16/03/2026
Warum der Klügere nachgibt 🐴
Instinktiv halten wir Menschen fest, wenn etwas an uns zieht. Nicht nur wir, auch andere Lebewesen tun das.
Druck erzeugt Gegendruck – das ist ganz natürlich. Wir wollen unser Gleichgewicht sichern und gleichzeitig schützen, was uns wichtig ist. Es ist gut, die Leine eines kleinen, ängstlichen Hundes nicht loszulassen, wenn er jemanden attackieren will. Es ist richtig, eine rutschende Tasche festzuhalten oder ein Kind an der Hand zu behalten, das auf die Straße laufen möchte. In vielen Momenten macht es Sinn, einfach zu halten, statt nachzugeben.
Doch nicht immer
Vor allem dann nicht, wenn wir definitiv nicht die Stärkeren sind – zum Beispiel beim Führen eines Pferdes. Wenn wir mit viel Kraft gegenhalten, werden wir selbst unausbalanciert und unflexibel.
Die intelligente Lösung ist, sich diesen Moment bewusst zu machen und sich für ein anderes, nicht instinktives Verhalten zu entscheiden.
Das bedeutet: genau in dem Moment, in dem wir Anspannung spüren, weich zu werden.
Loslassen ist was etwas anders als Nachgeben.
Geben wir kurz nach, nicht ruckartig, nicht loslassend, sondern schmelzend – manchmal zwei- oder dreimal, wenn nötig öfter – geben wir dem Pferd die Chance, Spannung loszulassen, statt, ebenfalls instinktiv stärker gegenzuhalten.
(Auf dem Foto habe ich gerade nachgegeben.
Im Kommentar ist der Link zum Video, aus dem dieses Foto ist.)
So lassen sich viele Situationen früh deeskalieret und Sicherheit werden gar nicht erst gefährlich.
Erstaunlicherweise lässt sich ein scheuendes oder durchgehendes Pferd viel leichter stoppen, wenn wir nicht mit aller Kraft dagegenhalten, sondern balanciert bleiben, immer wieder weich werden, minimal nachgeben und annehmen um wieder nachzugeben – ohne zu ziehen, ohne den Kontakt völlig zu unterbrechen.
Das ist ein Schlüssel, den man in ruhigen, sicheren Situationen üben sollte, damit er im Stress verfügbar ist.
Gerade um diese Jahreszeit kann man das gut üben. Und es wird ein echter Gamechanger.
Wenn das Pferd zum Gras möchte, helfen leise, annehmende und nachgebende Hilfen meist viel mehr als zu schauen wer stärker ziehen kann. Ganz fein kann der Ponykopf oben bleiben – mit kleinen Momenten des Nachgebens zwischen dem Halten, wenn wir achtsam, und vor allem auch rechtzeitig reagieren.
„Kill das Monster, solange es klein ist.“
Das bedeutet: früh wahrnehmen, früh reagieren – solange die Korrektur noch leicht und fein möglich ist, statt erst dann zu handeln, wenn das Gegenhalten nicht mehr reicht und man ins gewaltsame Reißen übergeht, nachdem das Pferd sein Maul im Gras hat.
Es braucht anfangs Konzentration, diesen Moment zu erspüren, in dem das Pferd ins Gras denkt. Eine zu lange Leine ist hier nicht hilfreich, da aus einer langen Leine immer ruckartige Signale kommen. Man braucht eine feine Verbindung, die nicht fixiert, aber fühlt. Dann kann man schon beim „Denken“ ans Grasen einwirken.
„Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“
In dem Fall bedeutet das: Gibt so viel Aufmerksamkeit in dein Pferd, wie du dir von ihm wünscht. So dass du feine Signale trainierst, statt zerren und kämpfen.
Wenn ich mein Pferd schon anhalte, während es erst sichtbar darüber nachdenkt, irgendwohin zu gehen, kann ich ganz fein eine Umorientierung anbieten. So fördern wir unser gemeinsames Gleichgewicht, stärken das Vertrauen – und unser Pferd fühlt sich gesehen und verstanden.
Wenn du nicht möchtest das dein Pferd an dir zieht, zieh auch nicht an ihm.
Anfangs ist es für viele nicht so leicht, weil sie nicht gewohnt sind sich so einzufühlen, so aufmerksam zu sein, so fein zu reagieren. Doch es ist lernbar, es ist Übungssache, und es macht einen ganz großen Unterschied, im ganzen Leben, wenn wir es zur neuen Gewohnheit machen, immer achtsam und sanft zu kommunizieren.
Wenn man es zu Beginn intensiv übt wird es bald ein neues Muster und man reagiert irgendwann instinktiv, sobald man merkt das man gezogen wird, mit dem intelligenten Nachgeben, dem Mehrfaches annehmen und nachgeben folgt, manchmal reicht dann tatsächlich schon 1 x, und man kann wieder das Gleichgewicht in beiden Körpern herzustellen.
Es tut so gut, Mensch und Pferd, das gemeinsame Gehen ohne Kampf und in Balance zu machen, auch wenn die Grasspitzen locken.
Nachgeben ist eben doch keine Schwäche, sondern die echte Stärke. 🤍
im Kommentar ist ein Link zu einem Video auf dem könnt ihr das Annehmen und Nachgeben sehen. Evtl in langsamerem Tempo anschauen, um es zu erkennen.
Es sind unsichtbare Hilfen, so wie ich sie zu einer Zeit lernte, als das ein wichtiges Zeichen für gutes Reiten war.
(damals meinte man damit nicht, das man dann stattdessen Stimmsignale gibt. Nicht das Stimmsignale schlecht sind, wir nutzen sie viel, es geht hier nur um eine nonverbale Form der Kommunikation)