06/08/2026
Wenn eine Mutter eine Abtreibung seelisch nicht verarbeitet hat, fließt die Energie in der Familie oft nicht mehr frei.
Es entsteht eine Dynamik, die alle Beteiligten tief berührt und oft zu Unruhe unter den verbleibenden Geschwistern führt.
Aus der systemischen Erfahrung zeigt sich in der Praxis meist folgendes Bild:
Die Mutter spürt unbewusst eine tiefe Schuld gegenüber dem ungeborenen Kind. Um diesen Schmerz zu kompensieren, versucht sie oft krampfhaft, es den lebenden Kindern in allem recht zu machen.
Sie verlässt ihren festen Platz, gerät in eine unruhige Energie und neigt dazu, die Kinder extrem zu behüten, das Umfeld hektisch perfekt zu gestalten.
Das führt zu Spannungen und Aggressionen, wenn die Ordnung im Außen mal nicht gehalten werden kann.
Die Paarverbindung wir wackelig und innere Konflikte und Schuldgefühle trennen die Harmonie.
Die Geschwister haben feine Antennen.
Sie spüren instinktiv, dass die Mutter emotional gar nicht voll im Hier und Jetzt anwesend ist, weil ein Teil ihrer Liebe und Aufmerksamkeit bei dem verlorenen Kind gebunden bleibt.
Die Kinder beginnen dann oft, unbewusst um die echte, greifbare Präsenz der Mutter zu kämpfen. Das zeigt sich im Alltag häufig durch heftige Eifersucht und Streitigkeiten untereinander.
Manchmal rutscht ein Kind energetisch auch auf den leeren Platz des abgetriebenen Geschwisterchens. Wenn dieses Kind dann durch besondere Sorgen oder Krankheiten auffällt, bindet es noch mehr Aufmerksamkeit.
Die anderen Geschwister reagieren darauf mit Neid und dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Wenn die Kinder dann unglücklich sind, sieht die Mutter darin oft die Bestätigung für ihr eigenes vermeintliches Versagen. Der Kreislauf aus Schuldgefühlen, dem Wunsch, alles zu reparieren, und der Unruhe der Kinder schließt sich.
Die Eifersucht der Geschwister ist in Wahrheit oft ein Wegweiser, der auf das unsichtbare, verdrängte Kind im Hintergrund aufmerksam machen möchte.
Um diese Verstrickung zu lösen, darf die Mutter die Verantwortung ganz zu sich nehmen, ihre eigene Mitte wiederfinden und ihren Platz einnehmen.
Ein heilsamer Weg kann sich in folgenden Schritten entfalten:
Das ungeborene Kind braucht seinen festen und gewürdigten Platz in der Familie. In der inneren Haltung oder in einer Aufstellung schaut die Mutter das Kind an und gibt ihm seinen Raum. Ein Satz wie „Ich sehe dich. Du gehörst zu uns und bist mein Kind“ hilft, das System zu entlasten.
Dem Kind wird ein liebevoller Platz im Herzen geschenkt, sodass es im Alltag nicht mehr durch das Verhalten der lebenden Geschwister sichtbar gemacht werden muss.
Die Mutter nimmt die Verantwortung für ihre damalige Entscheidung ganz zu sich und entlastet die lebenden Kinder innerlich mit dem Impuls: „Das ist meine Geschichte und meine Verantwortung.
Ich habe damals diese Entscheidung getroffen, weil es in diesem Moment das Richtige für uns war. Auch wenn ich heute anders entscheiden würde.
Ihr dürft einfach die Kleinen sein.“
Gleichzeitig gilt es, den eigenen Mangel zu heilen.
Das gelingt, indem die Mutter aufhört, Bestätigung im Außen zu suchen, und stattdessen lernt, gut für sich selbst zu sorgen. Ein klares Ja zu sich selbst beendet das ungesunde Tauschgeschäft um Liebe.
Die unruhige Energie darf sich wandeln in eine bewusste, atmende Präsenz. Die Mutter lernt, den Raum stabil zu halten, anstatt ihn hektisch auszufüllen.
Sie muss nichts leisten, um geliebt zu werden, sie ist die geliebte Mutter.
Und sie wird es immer sein.
Aus systemischer Sicht gibt es keine Schuld. Unsere Seelen haben sich für genau diese Konstellation entschieden. Auch ein kurzer „Besuch“ im Leib der Mutter ist für die Seelen eine Verabredung. Als Seele haben wir immer den freien Willen und begegnen uns niemals zufällig.
Dadurch wird auch die Geschwisterfolge neu geordnet. Die lebenden Kinder werden von der Last befreit, Plätze einzunehmen, die ihnen gar nicht gehören. Die Mutter rückt jedes Kind innerlich an die biologisch richtige Stelle und signalisiert: „Ich bin die Große, ich sorge für mich. Ihr seid die Kleinen.“
Das entlässt die Kinder aus der Pflicht, die Mutter stützen zu müssen, oder aus dem erspürten Mangel an Präsenz Eifersucht zu leben.
Sobald die Mutter wieder stabil auf ihrem Platz steht, beruhigt sich das Verhalten der Kinder meist spürbar.
Statt ständig oberflächlich für alle da zu sein, schenkt sie jedem Kind kurze, aber absolut präsente und ungeteilte Aufmerksamkeit.
Wenn dann noch Eifersucht auftaucht, wird diese nicht mehr durch mütterliche Schuldgefühle genährt. Die Mutter bleibt ruhig in ihrer Kraft und vermittelt: „Ich liebe jeden von euch auf seine ganz eigene Weise. Ihr müsst nicht um mich kämpfen.“
Ich nehme ab heute wieder meinen Platz im System ein. Ihr seid frei.