20/04/2025
****Anders hindurchgehen
Auf den ersten Blick mag diese Idee paradox wirken.
Vielleicht sogar naiv. Vor allem in einer Gesellschaft, die Kampf und Kontrolle hochhält.
Selbstkontrolle. Die Beherrschung unserer Gefühle. Unseres Auftretens. Unserer Zukunft.
Man sagt uns, wir müssten „kämpfen, um voranzukommen“,
„den Kurs halten“, „das Leben in die Hand nehmen“.
Wir bekämpfen die Angst.
Wir bekämpfen den Schmerz.
Wir bekämpfen alles, was über das Maß hinausgeht.
Zum Osterfest möchte ich eine Brücke schlagen – zu dem, was diese Zeit auf menschlicher Ebene erzählt.
Die Kreuzigung Jesu ist das Sinnbild des Kontrollverlusts.
Der Körper: festgenagelt.
Die Würde: öffentlich entzogen.
Die Handlungsmacht: verschwunden.
Und doch ist es kein Ende.
Es ist ein Übergang.
Was dieses Bild uns lehren kann, ist:
Es gibt im Leben Momente, in denen Kontrolle nicht mehr greift.
Wo man nicht mehr weglaufen kann. Nicht mehr so tun, als ob.
Man steht sich selbst gegenüber.
N***t.
Ohnmächtig.
Ausgesetzt.
Und genau dort beginnt manchmal etwas sich zu wandeln.
Nicht, weil wir kämpfen.
Sondern weil wir uns durchlassen.
Was wir bekämpfen, ist oft das, was uns getragen hat.
Wir verbringen so viel Zeit damit, loswerden zu wollen, was weh tut:
Angst.
Traurigkeit.
Wut.
Scham.
Aber wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir:
Das sind Überlebensstrategien.
Antworten auf eine Welt, die unsicher, unvorhersehbar war.
Eine Welt, in der das Kind, das wir einmal waren, hilflos ausgeliefert war.
Also haben wir Kontrolle entwickelt:
„Wenn ich alles unter Kontrolle habe, werde ich nicht mehr verletzt.“
Die Reflexe, die wir heute bekämpfen, sind die,
die uns damals geholfen haben, zu überstehen.
Was wir ablehnen, ist ein Teil von uns,
der alles getan hat, um uns zu schützen.
Und was, wenn wir diesen Teil nicht mehr zum Schweigen bringen, sondern ihm zuhören würden?
Was, wenn wir ihn nicht mehr bekämpfen,
sondern anerkennen?
Das ist keine Resignation.
Das ist Unterscheidungskraft.
Wir versuchen ständig, alles zu planen.
Alles zu organisieren.
Alles zu kontrollieren.
Um nie wieder überrascht, überfordert, ausgeliefert zu sein.
Und doch erleben wir immer wieder diese Momente:
Stress.
Erschöpfung.
Widerstand.
Unhörbares Leiden.
Diese Momente sind wie eine Kreuzigung.
Nichts mehr zu halten.
Und genau dort – im Nichts-mehr-Tun-Können –
öffnet sich ein Raum.
Ein Raum, in dem wir spüren:
„Ich muss nicht mehr kämpfen.“
„Ich darf mich von diesem "Kreuz" hinter mir tragen lassen.“
Ein Instinkt, tiefer als Kontrolle.
Eine Verbundenheit mit dem Lebendigen, älter als jede Strategie.
Was wir „Schwäche“ nennen, ist immer das Tor.
Vielleicht gehst auch du gerade durch etwas,
dem du entkommen willst. Und alles in dir schreit:
„Ich will, dass es aufhört.“
Dann halte inne.
Beende den Kampf.
Erlaube dir, getragen zu werden.
Du musst nichts bekämpfen.
Du musst nicht stark sein,
um weitergehen zu dürfen.
Es ist nicht Leistung, die heilt.
Es ist Gegenwärtigkeit.
Es ist deine Fähigkeit,
bei dir zu bleiben –
auch wenn es unbequem wird.