20/08/2026
Manche Menschen wirken besonders selbstbewusst.
Nicht, weil sie kaum zweifeln.
Sondern weil niemand ihre Zweifel sehen darf.
Außen stehen Erfolg, Leistung und Perfektion. Innen bleibt die Frage:
„Bin ich wirklich gut genug?“
Das kann Teil einer vulnerablen narzisstischen Dynamik sein. Muss es aber nicht.
Denn Selbstzweifel allein sind kein Narzissmus.
Die Forschung unterscheidet zwischen grandiosen und vulnerablen Ausprägungen. Grandiosität zeigt sich eher durch Überlegenheit und das Streben nach Bewunderung. Vulnerabilität eher durch Unsicherheit, Scham und eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Kritik.
Beide Seiten können auch innerhalb einer Person auftreten.
Dann wird Anerkennung nicht nur genossen, sondern zur Stabilisierung des eigenen Selbstwerts benötigt:
• Lob hebt den Selbstwert kurzfristig an.
• Kritik erschüttert das gesamte Selbstbild.
• Auf Idealisierung folgen bei Enttäuschungen Abwertung oder Rückzug.
• Das innere Erleben schwankt zwischen „Ich bin außergewöhnlich“ und „Ich bin nichts wert“.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Freue ich mich über Anerkennung?“
Sondern:
„Was bleibt von meinem Selbstwert, wenn der Applaus ausbleibt?“
Ein stabiler Selbstwert bedeutet nicht, sich immer großartig zu finden.
Er bedeutet, sich nach einem Fehler nicht gleich grundsätzlich infrage zu stellen. Stärken und Schwächen gleichzeitig sehen zu können. Und auch dann mit sich verbunden zu bleiben, wenn andere uns gerade nicht bestätigen.
Wie erlebt ihr dieses Spannungsfeld bei euch selbst oder bei anderen?
Literaturtipp:
Anne Otto: „Außen stark. Innen Zweifel“. Interview mit Bärbel Wardetzki. Psychologie Heute 9/2026.
Wissenschaftliche Quellen:
Krizan & Herlache (2018), doi: 10.1177/1088868316685018
Pincus & Lukowitsky (2010), doi: 10.1146/annurev.clinpsy.121208.131215
Edershile & Wright (2021), doi: 10.1037/pspp0000370