23/07/2026
Die Wahrheit ist manchmal: ‚Ich weiß es nicht.‘
Ich finde es erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit manche Menschen auf die existenziellsten Fragen des Lebens mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ antworten und dafür sogar noch Geld verlangen.
Es geht hier nicht um die Frage, welches Auto man kaufen oder welche Farbe die Wohnzimmerwand haben soll. Es geht um Fragen wie:
„Kann ich diesem Menschen vertrauen?“
„Wird mein Mann den Krebs besiegen?“
„Ist mein Kind in Sicherheit?“
"Wird er mich verlassen?"
"Betrügt er mich?"
Wer darauf mit einem einzigen Wort antwortet, vermittelt eine Sicherheit, die er unmöglich besitzen kann.
Das Tragische daran ist: Viele Ratsuchende richten ihr Leben nach solchen Aussagen aus. Sie treffen Entscheidungen, beenden Beziehungen, schöpfen Hoffnung oder verlieren sie, nur weil eine fremde Person behauptet, etwas zu wissen, das sie gar nicht wissen kann. 👹
Ein reales Beispiel aus meinem Praxisleben macht deutlich, wie gefährlich das sein kann:
Eine Mutter fragte ein Medium: „Ist mein Sohn auf seinem Motorrad sicher?“ Die Antwort lautete: „Ja.“ Wenig später kam ihr einziger Sohn bei einem Motorradunfall ums Leben.
Nein, das Medium hat den Unfall nicht verursacht.
Aber hätte es jemals behaupten dürfen, diese Sicherheit zu kennen? Genau hier liegt das ethische Problem.
Wer möchte die Person sein, die einer Mutter eine solche Gewissheit vermittelt hat und sich anschließend mit Aussagen wie „Die Energien haben sich verändert“, „Der freie Wille hat eingegriffen“ oder „Die Zukunft war noch offen“ aus der Verantwortung zieht?
Wenn jede falsche Vorhersage nachträglich erklärt werden kann, dann ist das keine besondere Fähigkeit sondern ein System, das sich jeder Überprüfung entzieht.
Echte Hilfe erkennt ihre Grenzen. Echte Hilfe sagt auch einmal „Das weiß ich nicht.“ Genau darin liegt Größe, nicht darin, auf jede Frage eine scheinbar allwissende Antwort zu geben.
Wer behauptet, auf komplexe Lebensfragen einfache Ja-Nein-Antworten zu kennen, nutzt häufig einen psychologischen Mechanismus aus: Menschen möchten Unsicherheit vermeiden und klammern sich deshalb an jede Form von Gewissheit. Das ist keine spirituelle Erkenntnis, sondern ein gut beschriebener Effekt der menschlichen Psyche. Je eindeutiger eine Antwort formuliert wird, desto eher verleihen wir ihr unbewusst Autorität obwohl sie keinerlei überprüfbare Grundlage besitzt.
Wenn wir von wahrer Hilfe, Verantwortung und Nächstenliebe sprechen, dann bedeutet das nicht, Menschen in ihrer Unsicherheit mit scheinbarer Gewissheit zu versorgen. Wahre Hilfe stärkt die Eigenverantwortung, fördert kritisches Denken und begleitet Menschen dabei, selbst tragfähige Entscheidungen zu treffen.
Wer dagegen Behauptungen aufstellt, die Leben, Beziehungen oder Zukunftsentscheidungen beeinflussen können, ohne dafür belastbare Grundlagen zu haben, handelt aus meiner Sicht unverantwortlich. Ob man das spirituell, moralisch oder einfach menschlich betrachtet. Verantwortung lässt sich nicht mit nachträglichen Ausreden wegdiskutieren.
Deshalb mein klarer Appell:
Lasst die Finger von Menschen, die dir auf existenzielle Fragen einfache „Ja“- oder „Nein“-Antworten geben. Niemand kennt deine Zukunft. Niemand kann seriös versprechen, wie sich ein anderer Mensch entscheiden wird oder was morgen geschieht.
Vertraue nicht auf Behauptungen. Vertraue auf beobachtbare Tatsachen, auf Charakter, auf ehrliche Gespräche und auf deine gesunden Menschenverstand. Das schützt dich weit mehr als jede vermeintlich übersinnliche Gewissheit.