26/07/2026
Was sind psychiatrische Diagnosen?
Der Glaube, es handle sich um objektivierbare Krankheiten hält sich hartnäckig. Er ist der Biden der Idee, dass es Medikamente gebe, welche die Ursache (zB ein Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn) beheben und damit die Symptome zum Verschwinden bringen.
Einigen Interessengruppen, ist es vielleicht ganz recht, dass dieses Missverständnis weiterbesteht.
Psychiatrische Diagnosen sind jedoch Krankheitskonstrukte, auf die man sich geeinigt hat, um die Kommunikation unter Fachleuten zu vereinfachen. Sie sind zudem gesellschaftlich wichtig um Behandlungsbedarf deutlich zu machen.
Psychiatrische Symptome weisen darauf hin, dass im bio-psycho-sozialen Gefüge des Menschen (Engel, 1977) ein Ungleichgewicht besteht.
Psychotherapie setzt nun nicht bei den Symptomen, sondern beim Gefüge an.
Sie schafft einen Raum, in dem Therapeut:in und Patient:in einen Prozess gestalten. Dieser beinhaltet einen Mythos und ein Ritual ( Szasz, 1970)
Wer nun denkt, das sei unwissenschaftlicher Gugus irrt.
Psychotherapie verfügt für den Umgang mit der immensen Komplexität auf den einzelnen Ebenen über stringente Erklärungs- und Wirkmodelle. Die Basis dazu legte Carl Rogers mit der humanistische Psychotherapie in den 50er und 60er Jahren in Chicago. Heute bilden die umfangreichen methodenübergreifenden Arbeiten von Wampold zu den methodenübergreifenden allgemeinen Wirkfaktoren (Common Factors). Die entscheidende Rolle kommt der therapeutischen Beziehung zu, weshalb in der Ausbildung von Berufsleuten deren Persönlichkeitsentwicklung der wichtigste Fokus bildet.
In der Vielzahl von Einflussfaktoren wird nicht unter Laborbedingungen (RCT), sondern im Praxisalltag nach "Real-World-Evidence" (RWD) geforscht. Multifaktorialität ist nicht störend, sie wird als adaptatives System mit vielen Handlungsoptionen verstanden.
Psychotherapie ist ein Prozess angewandter personzentrierter Forschung. Wissen zB aus der Systemik, der Synergetik oder der Hermeneutik kommt zur Anwendung, um festgefahrene Konstrukte zu energetisieren und frexibilisieren. Eine grosse Rolle spielt dabei die Kraft der Zuversicht. Was in der psychopharmakologischen Forschung als störende Placeboeffekte bezeichnet wird, ist in der Prozessforschung von Psychotherapie ein entscheidender Faktor.
Schade, dass in der Öffentlichkeit wenig darüber kommuniziert wird. Es wäre wichtig, in der Schweiz die Psychotherapiedebatte zu führen, insbesondere bevor die Psychotherapie von der Gesundheitspolitik marginalisiert wird, wie es momentan in Deutschland der Fall ist.
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