13/08/2026
Die Führungskraft, die nie Grenzen setzte
Eine Chefin erzählte mir, ihr Team liebe sie. Sie sei immer erreichbar. Sie übernehme Aufgaben, die eigentlich nicht ihre sind, und moderiere jeden Konflikt persönlich.
Ich fragte, was passiert, wenn sie einmal Nein sagt. Sie überlegte lange. Dann sagte sie: "Das kommt eigentlich nie vor."
Im Coaching zeigte sich schnell, dass ihr Team dieses Muster genau kennt. Wer ein Problem hat, geht zu ihr, nicht zu den Kollegen. Sie übernimmt die Retter-Rolle aus dem Karpman-Dramadreieck. Das Team hat aufgehört, selbst Verantwortung zu übernehmen. Warum auch, wenn die Chefin ohnehin einspringt.
Genau dieser Teil fehlt oft in Gesprächen über grenzenlose Führung. Das Problem wird bei einer einzelnen Person gesucht, die angeblich nur lernen muss, Nein zu sagen. Ein Team, das sich an eine Retterin gewöhnt hat, hat wenig Grund, daran etwas zu ändern. Es hält das Muster mit, jeden Tag, ohne böse Absicht.
Als sie begann, eine einzige Aufgabe konsequent zurückzugeben, reagierte das Team mit Irritation. Zwei Kollegen fragten in der folgenden Woche mehrfach nach, ob bei ihr alles in Ordnung sei. Das Muster wehrte sich.
Grenzen setzen beginnt bei der Führungskraft. Getragen wird das Muster vom ganzen System.