25/07/2026
Wenn ich eines der Videos von Elliot sehe, wie er mit seinem Rollstuhl über den Strand jagt, der Wind durch seine Ohren weht und er das Meer in vollen Zügen genießt, wird mir ganz warm uns Herz. Es zeigt diese schier unendliche Lebensfreude und Resilienz, die Hunde besitzen.
Ich kenne Elliot seit den allerersten Wochen seines Lebens und erinnere mich noch genau daran, wie er uns alle im Fluge um den Finger gewickelt hat. Umso tiefer schneidet die Realität heute ein.
Er sitzt wieder bei mir auf dem Untersuchungstisch, ohne Rollstuhl, seine Hinterbeine schlaff und komplett ohne Gefühl, sein Genitalbereich hochgradig entzündet mit blutender Blase. Sein Genitalbereich und die zarte Haut ist nicht dafür gemacht, das halbe Körpergewicht zu tragen, er hat überall Druckstellen.
Und während ich ihn untersuche, sehe ich nicht nur das unmittelbare Problem vor mir. Ich sehe eine fehlgebildete Anatomie, die ihn von Geburt an begleitet: die äußere Nase ist zu kurz gezüchtet, das innere zu große Schleimhautgewebe für den kleinen Schädel ist jedoch geblieben, es blockiert ständig die Atemwege. Die kollabierten Nasenmuscheln sind nur schmale Schlitze, ein Tempertaturausgleich ist kaum möglich und der ständige Unterdruck, um überhaupt Luft in die Lungen zu ziehen, drückt die Magensäure in die Speiseröhre, was ein chronisches Sodbrennen nach sich zieht.
Keilwirbel, die das Nebenprodukt des Wunsches nach einer kurzen, eingerollten Rute sind, zerstören die Stabilität der gesamten Wirbelsäule. Wie durch einen Türkeil wird dauerhaft das Rückenmark gequetscht und die Nervenfasern sterben ab. Elliot ist querschnittsgelähmt.
Ich denke an all die Operationen, die er in seinem jungen Leben bereits überstehen musste. Die Versuche, ihm das Atmen zu erleichtern, die operativen Eingriffe an der Wirbelsäule, die Korrekturen, um ihm Schmerzen zu nehmen. Ich weiß um die Ängste, die Narben und die gewaltigen Strapazen, die hinter jedem einzelnen Tag stecken.
Und dann sitzt er hier auf dem Tisch und schaut mich an, ohne jede Scheu, Angst, Groll oder Vorbehalt. Elliot sucht intensiv den Augenkontakt. Sein linkes Auge ist ausgetrocknet, da die großen Augen zu groß für die flachen Augenhöhlen sind. Selbst beim Schlafen kann er die Augenlider nicht mehr vollständig schließen. Obwohl die Augen regelmäßig gesalbt werden, lässt durch die Nervenschädigung irgendwann der Blinzelreflex nach und die Salbe wird nicht mehr verteilt, es wird kein Tränenfilm mehr prodziert und auch der wässrige Anteil von eingebrachten Salben verdunstet innerhalb weniger Minuten. Das Auge beginnt zu brennen und die Hornhaut wird gereizt, nun versucht Elliot krampfhaft zu blinzeln, doch das verstärkt den Reizschmerz. Und dann gibt das Auge auf. Elliot bleibt zurück mit kleinen Mikrorissen in der Hornhaut, die ununterbrochen Schmerzsignale an das Gehirn senden. Dennoch sucht er den Augenkontakt mit mir und beschwert sich nicht, er beschwert sich nie.
Während wir reden, schaut er sein Frauchen an. Dann wieder mich und er stupst mich sanft mit seiner feuchten Nase und vertraut mir, dass es gleich wieder vorbei ist. Er will wieder heim. In diesem Moment schnürt es mir die Kehle zu. Denn dieser wundervolle Hund Elliot hat eine so reine Seele, die in einem Körper gefangen ist, den der Mensch kaputtgezüchtet hat.
Die Besitzer von Elliot haben ihn nicht wissentlich in dieses Schicksal gekauft. So wie fast alle Menschen haben sie sich schlichtweg in diesen unvergleichlichen, liebevollen Charakter verliebt. Was seine Familie heute für ihn tut, vom täglichen Ausdrücken der Blase, der aufwändigen Wundpflege, den zahllosen Tierarztbesuchen, den Sorgen rund um die Narkosen bei jeder Operation, dem Akzeptieren der schlaflosen Nächte, dem Umgang mit dem Rollstuhl bis hin zum Unverständnis der Mitmenschen, wieso dieser Hund leben darf, verdient meinen allertiefsten Respekt. Ich leide mit ihnen in jeder Sekunde, denn sie lieben ihn abgöttisch und jeder, der Elliot kennenlernt, weiß, warum.
Deswegen ist Elliots Besitzerin mit einem dringenden Wunsch an mich herangetreten: Wir müssen der Welt erzählen, wie es ihm wirklich geht. Sie möchte nicht, dass sich die Menschen nur von der Lebensfreude und dem leichten Schein im Sand blenden lassen. Wir wollen diese Geschichte gemeinsam erzählen und hinter die frohen Videos schauen. Wir möchten anderen Familien und vor allem anderen Hunden diese Kette aus Operationen, Schmerzen und jahrelangem, stillem Leiden ersparen.
Elliot ist ein Wunder. Seine Persönlichkeit ist ein Geschenk, und er verdient jede Sekunde Liebe, jede Medizin und jeden einzelnen Spaziergang am Meer im Rollstuhl.
Als Zuchtfolge ist seine Situation jedoch ein Mahnmal unseres menschlichen Handelns. Es darf niemals normal werden, dass ein Hund kaum Luft bekommt, mehrfach operiert werden muss, um überhaupt grundlegende Körperfunktionen aufrechtzuerhalten, seine Augen austrocknen und er letztlich als gelähmter Pflegefall endet, nur weil der Körper auf extreme Äußerlichkeiten geformt wurde.
Wir schulden es Elliot und all den anderen Kämpfern, dass wir ihre Lebensfreude bewundern und erhalten, zeitgleich jedoch konsequent aufhören, dieses anatomische Leid nachzuzüchten. Wir brauchen wieder Bulldoggen mit Schnauze, mit gerader Wirbelsäule und gesunden Augen, damit die Elliots der Zukunft das Meer wieder auf ihren eigenen vier Beinen und aus voller Lunge genießen dürfen.
Ihr dürft die Geschichte teilen.
Dr. Majka Kiefer