07/09/2026
Zusammenfassung von Jan Gysi zu einer interessanten Studie mit dem Thema:
Traumatherapie bei Sucht: parallel oder sequenziell?
Lortye, S., Faber, N. N. M., Will, J. P., Marquenie, L. A., Lommerse, N. M., Goudriaan, A. E., Arntz, A., & de Waal, M. M. (2026).
Timing and type of posttraumatic stress disorder treatment in patients with co-occurring substance use disorder and posttraumatic stress disorder: A randomized controlled trial.
Journal of Substance Use and Addiction Treatment, 183, 209878.
https://doi.org/10.1016/j.josat.2025.209878
Liebe Kolleginnen und Kollegen
Bei gleichzeitig bestehender PTBS und Substanzgebrauchsstörung stellt sich oft die Frage, ob zuerst die Sucht behandelt werden sollte oder ob eine Traumatherapie parallel beginnen kann.
Eine aktuelle randomisierte Studie mit 209 Patient:innen verglich beide Strategien. Eingesetzt wurden Prolonged Exposure, EMDR oder Imagery Rescripting (Lortye et al., 2026).
Nach 6 und 9 Monaten zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen paralleler und sequenzieller Behandlung hinsichtlich der PTBS-Symptomatik. Beide Ansätze waren wirksam.
Nach 3 Monaten war die parallele Behandlung jedoch klar im Vorteil: Die PTBS-Symptome waren stärker reduziert, und auch Remission sowie Verlust der PTBS-Diagnose traten häufiger auf. Dieser Unterschied verschwand später, nachdem auch die sequenzielle Gruppe ihre Traumatherapie erhalten hatte.
Wichtig für die Praxis: Die parallele Traumatherapie verschlechterte die Suchtbehandlung nicht. Abstinenz war keine Voraussetzung für den Beginn der PTBS-Behandlung. Zudem bevorzugten 71,3 % der Patient:innen eine parallele Behandlung, nur 9,6 % eine sequenzielle.
Was wir aus der Studie mitnehmen können
Eine traumafokussierte Behandlung muss bei bestehender Substanzgebrauchsstörung nicht routinemässig aufgeschoben werden. Parallele Behandlung kann zu einer schnelleren PTBS-Besserung führen, ohne die Suchtbehandlung zu beeinträchtigen. Shared Decision-Making sollte deshalb eine zentrale Rolle spielen.
Kommentar Jan Gysi: Wenn Suchtmittel der Regulation posttraumatischer Symptome dienen, kann eine rein suchtzentrierte Behandlung Patient:innen ihrer PTBS-Symptomatik stärker ausliefern. Ein nicht-traumainformierter Ansatz ist deshalb ethisch problematisch. Die Studie zeigt, dass parallele Sucht- und Traumabehandlung sinnvoll und wirksam sein kann.