11/08/2026
Letztes Wochenende war ich in Klagenfurt und habe mich zum ersten Mal intensiver mit Ingeborg Bachmann beschäftigt.
Beim Lesen des Gedichts "Grenze" bekam ich feuchte Augen.
Es geht für mich weit über ein literarisches Bild hinaus. Ich denke dabei an die Geschichte ihrer Heimat Österreich, die nach dem Ersten Weltkrieg politisch geteilt wurde.
Und ich denke an die Heimat meiner Mutter, Stadlern, unmittelbar an der tschechischen Grenze.
Landschaften, die über Jahrhunderte verbunden waren, wurden plötzlich durch politische Grenzen getrennt.
Grenzen sind dabei nie nur Linien auf einer Landkarte! Grenzen manifestieren sich durch Verhalten, Bräuche, Sprache, ja auch Küche.
Grenzen können Familien, Beziehungen und Erinnerungen voneinander trennen.
Und manchmal bleiben diese Grenzen in Menschen bestehen, lange nachdem sie äußerlich verschwunden sind.
Aus therapeutischer Sicht interessiert mich deshalb: Was macht eine Grenze mit unserer inneren Welt?
Manche Grenzen schützen uns.
Andere entstehen aus Verletzung, Angst und Überforderung.
Was einmal eine notwendige Schutzreaktion war, kann später zu einer Grenze werden, die uns selbst vom Leben trennt.
Bachmann schreibt: „Damit die Grenze heilt.“
Nicht: damit sie verschwindet.
Vielleicht bedeutet Heilung deshalb nicht, den Schmerz auszulöschen.
Sondern das, was getrennt wurde, wieder miteinander in Beziehung zu bringen.
Die Vergangenheit mit der Gegenwart.
Das Eigene mit dem Fremden.
Das Schweigen mit dem Wort.
Und schließlich: den Menschen wieder mit sich selbst und mit anderen.
Vielleicht ist das die tiefste Botschaft dieses Gedichts: Grenzen dürfen existieren – aber sie müssen nicht für immer trennen.
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