25/05/2026
Es ist schon bemerkenswert, dass in Deutschland immer dann kein Geld mehr da ist, wenn Menschen alt, krank oder pflegebedürftig werden. Vorher ist Geld da. Für alles Mögliche. Für Berater, Ausschüsse, Sondervermögen, Übergangslösungen und Verwaltungssysteme, möglichst aufgebläht, als hätte man einen Kompressor daran angeschlossen, damit wenigstens das noch schwimmt, während allem anderen, primär den Menschen, die entweder alt, krank oder pflegebedürftig sind oder eine Kombination daraus haben, das Wasser bis zum Hals steht.
Sobald ein Mensch im Pflegebett liegt, wird plötzlich jeder Euro behandelt, als würde er persönlich aus der letzten Notreserve des Bundesadlers operiert. Dann heißt es: schwierig. Herausfordernd. Nicht dauerhaft finanzierbar. Reformbedarf. Und irgendwo sitzt ein alter Mensch mit Dekubitusrisiko, Inkontinenzmaterial und Kindern, die einen Kampf nach dem anderen mit sämtlichen Ämtern austragen, um wenigstens ein bisschen Unterstützung zu erhalten. Und es ist nicht nur ein Kampf um Geld, sondern auch um das kleine bisschen Würde, das einem noch bleibt.
Wann hast du das letzte Mal mit jemandem gesprochen, der seine Eltern oder seinen Partner gepflegt hat? Gruselige Zustände. Du kannst mit der besten Laune in diese Gespräche gehen und bist am Ende nur noch erschüttert. Vor ein paar Jahren hatte mir mal eine Dame den Schriftverkehr für einen Rollstuhl für ihren Vater vorgelegt, der nach einem Schlaganfall nicht mehr allein laufen konnte, weil eine Seite nicht mehr mitspielte. Ich dachte, das sei bei Schlaganfällen häufiger so, aber ich bin nur Pflegekraft, was weiß ich denn schon.
Die zuständige Sachbearbeiterin verwies erst einmal auf den Versuch mit Unterarmgehstützen. Und wenn das nicht klappt, könne man ja mal einen Rollator probieren. Das stelle ich mir persönlich sehr spannend vor. Der Patient wird mit Hilfe an den Rollator gewuchtet, man lässt los, und er hängt mit dem Gebiss auf der Querstange. Der verbogene Rollatorpatient. Ein Sinnbild der modernen Kunst.
Die Pflegeversicherung steht mal wieder vor einem Milliardenloch. Natürlich steht sie davor. Sie steht eigentlich seit Jahren nicht mehr davor, sie wohnt darin, und das wird die nächsten Jahre auch so bleiben. Sie hat dort inzwischen Vorhänge aufgehängt, einen Nachsendeauftrag gestellt und bekommt vermutlich schon Post vom Beitragsservice.
Für 2026 wird trotz Darlehen des Bundes ein echtes Defizit in Milliardenhöhe erwartet. Für 2027 reden wir dann schon über noch größere Summen. Und jedes Mal klingt es in der Politik so, als sei das alles vollkommen überraschend passiert. Ach, guck mal, die Menschen bleiben gar nicht forever young. Da hat der Song wohl gelogen.
Man wusste, dass mehr Menschen Pflege brauchen werden. Es ist nicht so, als hätte man nicht seit Jahrzehnten davor gewarnt. Bekannt ist das Thema im Grunde seit den Achtzigern. Tausende Pflegekräfte, Altersforscher, Ärzte und selbst die meistgehassten BWL-Schnösel haben ausgerechnet, dass wir ein verdammtes Problem haben.
Man wusste, dass Angehörige irgendwann nicht mehr alles auffangen können. Man wusste, dass Pflegekräfte nicht aus Motivationspostern wachsen. Man wusste, dass Heime, ambulante Dienste, Tagespflegen und pflegende Familien nicht mit warmen Worten, Applaus von 2020 und einem Obstkorb im Eingangsbereich betrieben werden können.
Man wusste es. Man hat nur gehofft, dass es jemand anderes lösen muss. Das ist in Deutschland inzwischen ein anerkanntes Regierungskonzept. Problem sehen, Problem benennen, Problem vertagen, Problem wird größer, Arbeitsgruppe bilden, diese möglichst wieder mit denselben Labertaschen besetzen, und dann überrascht sein, dass das Problem inzwischen nicht aus Dankbarkeit kleiner geworden ist.
Und jetzt brennt also die Hütte. Wieder einmal. In der Pflege brennt die Hütte allerdings schon so lange, dass man eigentlich nicht mehr von Brand sprechen kann, sondern von einem dauerhaften Beleuchtungskonzept. Die Kolleginnen und Kollegen machen dasselbe wie die Angehörigen auch: Sie brennen aus. Komplett.
Und damit nicht genug.
Eine Schweizer Studie der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg hat zuletzt gezeigt, dass Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich dort ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko haben können. Solche Zahlen sollte man nicht einfach eins zu eins auf Deutschland übertragen, aber sie zeigen, in welche Richtung es geht, wenn Menschen dauerhaft unter Druck arbeiten, Verantwortung tragen, Schichtdienste überleben, Personalmangel ausgleichen und dabei permanent so tun sollen, als sei Belastbarkeit eine unerschöpfliche Ressource.
Angehörige nimmt man lieber gar nicht so genau in Studien auf. Könnte verheerend werden. Aber die haben ja Gott sei Dank keine Lobby.
Pflegebedürftige warten auf Leistungen, auf Einstufungen, auf Entlastung, auf Plätze, auf Menschen, auf Hilfe, auf irgendetwas, das nicht nach Formular klingt und endlich etwas Greifbares bringt. Und dann kommt aus der Politik die große Erkenntnis: Das System ist zu teuer.
Nein. Das System ist nicht einfach zu teuer. Das System wurde über Jahre so gebaut, dass es zwangsläufig irgendwann kollabieren muss. Es ist wie ein alter Schrank, den man immer weiter mit Akten, Bettpfannen, Sparbeschlüssen, Eigenanteilen, Fachkräftemangel und Sonntagsreden vollstopft, bis irgendwann die Tür aufspringt und einem ein kompletter Sozialstaat auf den Fuß fällt.
Und dann steht man da, schaut auf den gebrochenen Zeh und sagt: „Das kam jetzt aber unerwartet.“
Und genau da wird es langsam gefährlich.
Ich hätte da eine Idee und bin mir sicher, dass viele damit sogar richtig gut leben könnten. Den Rundfunkbeitrag müssen wir doch sowieso alle zahlen. Da kommen im Jahr knapp neun Milliarden Euro zusammen. Warum davon nicht mal einen relevanten Teil in die Pflegeversicherung stecken? Wäre das die perfekte Problemlösung? Nein. Natürlich nicht. Aber es würde wahrscheinlich für viele Menschen eine Verbesserung der Umstände ermöglichen.
Und bevor jetzt jemand reflexartig Schnappatmung bekommt: Ja, auch Journalismus, Kultur und Information haben einen Wert. Aber ein Land, das jedes Jahr Milliarden für öffentliche Strukturen einsammelt, sollte sich vielleicht trotzdem fragen dürfen, warum ausgerechnet dort, wo Menschen gewaschen, gelagert, versorgt, begleitet und am Ende ihres Lebens nicht allein gelassen werden müssen, immer zuerst der Taschenrechner wie ein Fallbeil auf den Tisch gelegt wird.
Wir sollten uns eines alle bewusst machen: Wir alle können irgendwann darauf angewiesen sein, von jemandem gepflegt zu werden. Nicht theoretisch. Nicht als abstrakte Möglichkeit irgendwo im hohen Alter. Sondern ganz real. Schlaganfall. Unfall. Demenz. Krebs. Parkinson. Ein Sturz. Eine Diagnose. Ein Tag, der alles verändert.
Aktuell wird Pflege immer schlechter, teurer, komplizierter und für viele kaum noch erträglich. Und irgendwann müssen wir uns ehrlich fragen: Möchten wir in Zukunft noch Pflege haben oder nur noch eine Exitstrategie, weil niemand mehr diesen Zustand ertragen kann?
Pflege war schon immer teuer. Wir haben nur sehr lange davon profitiert, dass viele Menschen den unbezahlten Teil mit ihrem Körper, ihrer Zeit, ihrer Ehe, ihrem Rücken, ihrem Schlaf und ihrer seelischen Restsubstanz bezahlt haben.
Jetzt fällt langsam auf, dass auch diese Währung irgendwann aufgebraucht ist.
Und dann wundert man sich über das Milliardenloch.
Dabei ist das eigentliche Loch viel größer.
Es ist das Loch zwischen dem, was wir über Würde sagen, und dem, was wir bereit sind, schlussendlich für sie zu bezahlen.
Gruß an meine Lesewesen.
Euer Tim