20/08/2026
"Always on" – aber wie geht eigentlich "Off"?
Den treffenden Begriff *Always on* habe ich vom GSAAM-Kongress in Frankfurt mitgenommen. Er kennzeichnet eine gängige Herausforderung von uns allen heute. Natürlich ausgerechnet in meinem Urlaub konnte ich wieder ziemlich unmittelbar erleben, was damit gemeint ist. Ich will nun meine persönliche Gerschichte gerne teilen, um klarer werden zu lassen, was ist on und was ist vor allem dann "off".
Des Urlaubs erste zwei Wochen waren eine Alpenüberquerung mit meinen Söhnen zu Fuß: 160 Kilometer von Gmund am Tegernsee bis nach Sterzing in Südtirol / Italien. Ich habe mich vollkommen darauf eingelassen – Alpenpässe, rauf und runter, 6000 Höhenmeter insgesamt, auf die Jungs, auf den Weg, auf die tägliche Planung. Etappen abstecken, Quartiere und Essen finden, Strecke bewältigen, motivieren, zusammen weitergehen, sich nicht vollkommen überlasten, Spaß zusammen finden.
Das aber hat natürlich die gesamte Aufmerksamkeit - Aufmerksamkeit ist etwas in uns, bedeutenster Teil unseres inneren Erlebensraumes - aufgesogen. Und obwohl es ein wunderbarer Urlaub war, blieb wenig Raum für das, was sonst zu meiner täglichen Praxis gehört: Ruhe, Stille, Weite, Nichttun - Verweilen in unbenutzer Aufmerksamkeit will ich das mal hier nennen. Abends bin ich ins Bett gefallen und habe sehr gut geschlafen. Aber eben anders.
Meinen Oura-Ring (Gesundheits- und Schlaftracker am Finger) hatte ich bewusst zu Hause gelassen. Ich wollte gar nicht wissen, was er mir während dieser zwei Wochen erzählt hätte.
Das Ergebnis nach der Rückkehr war trotzdem ein deutlicher Einbruch: niedrigste nächtliche Herzfrequenz statt sonst etwa 42 nun Mitte 50, Herzfrequenzvariabilität statt über 60 nur noch um 20 und tagsüber durchgehend Stressanzeige - viele von Fatigue betroffene werden das kennen. Und genauso fühlte ich mich auch: fertig, aber aufgedreht. Eben aus der Balance, nicht nur körperlich. Etwas hatte gefehlt. Was?
Zum Glück wusste ich ziemlich genau, was. Dazu hole ich mal zu meinem April-Urlaub hin aus.
Den Gegenpol hatte ich da im April kennengelernt: war acht Tage in einem "Dark-Retreat". Acht Tage ganz alleine im Dunkeln mit der Möglichkeit, mich ganz auf Ruhe, Stille, Weite und Nichttun einzulassen. Nicht unverbereitet reingeschlittert, sondern viele Übungen zur Aktivierung und Reinigung der Chakras und vor allem das Auffinden von Rigpa, *Nature of Mind*: die unverbrauchte Natur des Geistes wiederzuentdecken. Also zu der Zeit volle Ausrichtung nicht auf ein Projekt, sondern auf den ursprünglichen Geist, der nicht fortwährend in Beschlag genommen ist von Denken, Reden und Tun.
Zurück zum "Jetzt" - bin ich in Buchenau beim Sommerretreat mit Tenzin Wangyal Rinpoche - meinem "Lama" - Meister, Lehrer. Wegen der Vorerfahrung von Rigpa, natürlichem unverbrauchten Geist fällt es mir leicht, wieder zurückzugehen in einen Modus, der zuträglicher ist. Einen Modus, den nicht das Ego bestimmt – *Was will ich? Was will ich noch erleben und schaffen?* –, sondern einem, der Körper und Seele und letztlich dem menschlichen Dasein zuträglicher ist. Genau das verkörpert für mich auch der Lehrer, ist mir großes Vorbild und dadurch Hilfe, meine Ängste zu überwinden, denn sonst wäre ich wirklich erschrocken gewesen, was ich mir angetan habe und vielleicht meinen Kindern sogar und und - fängt das Gedankenkarussel an zu kreisen ... Aber ich habe gelernt, was OFF wirklich ist! Es sagt nicht "ich" zum Beispiel, es ist, es ist das Sein, es ist zu sein ...
Das, was ich in meinen ersten beiden Urlaubswochen jetzt erlebt habe, ist gar nichts Besonderes - es ist wahrscheinlich noch quasi die Hälfte von der Menge, wie Menschen mit Kindern durchschnittlich in ihrem Urlaub ALWAYS ON sind. Ja, gerade Urlaub ist heute oft *always on*. Wir - das EGO, dieser Teil von wir - will etwas erleben, etwas sehen, etwas schaffen, unterwegs sein, möglichst viel aus der freien Zeit herausholen. Vom Handy noch gar nicht zu reden. Man überlastet sich auch im Urlaub vollkommen.
Das war die Message auch vom Kongress: Wir leben *always on* – und wissen überhaupt nicht mehr, wie *off* eigentlich geht. Es hat mit freier Aufmerksamkeit zu tun. Aufmerksamkeit unverbraucht sein lassen ...
Off ist nicht einfach nichts tun. Es scheint etwas zu sein, das man heutzutage lernen und trainieren muss - sicher nicht gleich mit 8 Tagen Dark-Retreat, aber man sollte damit anfangen. Und es hat erstaunlich konkrete Auswirkungen auf messbare Parameter im Körper.
Die wichtigere Frage ist also gar nicht, wie wir mit *Always on* besser zurechtkommen. Sondern zu erlernen, wie Off wirlkich geht. Ich brauchte dazu einen Meister und habe nun die Erfahrung, das weiter zu geben. Ich freue mich, wenn der Hinweis anderen nützt!