30/08/2026
„Haben Sie geöffnet?“
Ich komme gerade aus dem Notdienst.
Der Notdienst des gestrigen Tages und vor allem auch der letztem Nacht haben mich nachdenklich gemacht. Ich hatte wieder zig Anrufe mit der Frage: „ Haben Sie geöffnet?“ In einem dieser Anrufe habe ich nachgefragt, warum. Dies war sicherlich nicht der Beste Zeitpunkt, wenn jemand in Not ist. Aber ich will es verstehen. Überall in den Apothekennotdienstportalen, den Tageszeitungen und von mir selbst noch einmal auf Social Media war bekannt gegeben worden, dass wir den Apothekennotdienst an diesem Samstag übernommen hatten. Und dennoch diese Anrufe.
Wir leben heute in einer Zeit, wie es sie keine Generation vor uns hatte. Mit einer Möglichkeitenfülle, sich zu informieren und sich Wissen anzueignen. Auf dem heimischen Sofa haben wir quasi die „Welt zu Hause“. Wir können durchs Netz surfen, uns Bücher auf unsere digitalen Devices ziehen, uns Zusammenfassungen von Büchern geben lassen, wissenschaftliche Artikel recherchieren, Zeitungen, Zeitschriften sogar aus aller Welt in Sekundenbruchteil beziehen und last but not least auch aus Social Media Kanälen. Und dennoch - oder gerade deshalb- sind wir verunsicherter denn je. Selbst solche vermeintlich sicheren Informationen wie die Öffnungszeiten von Geschäften werden erst noch einmal mittels Anruf verifiziert.
Unsere Zeit ist ohne Frage in vielerlei Hinsicht eine bessere Zeit, als sie die Generationen vor uns gehabt haben. Wir brauchen dabei gar nicht so weit zurückzuschauen. Denken wir doch nur mal ein oder zwei Generationen zurück, da war auch in Deutschland das Bad in der Wohnung oder ein eigenes Zimmer für jedes Kind seltener Luxus. Und ja, jede Generation vor uns hatte und auch wir haben heute unsere Krisen und Katastrophen. Aber Bildung oder besser gesagt der Zugang zum Wissen gehörte bislang in meinen Augen nicht zu einem Problem heutiger Zeit. Unsere Schwierigkeiten scheinen nicht in der Informationsbeschaffung zu liegen. Sind wir schlicht und einfach mit der Fülle der Angebote überfordert? Mit der Bewertung dessen, was uns Tag für Tag in unsere Timelines gespielt wird, mit der Entscheidung darüber, was für uns relevant ist, mit zunehmender Anzahl von Fake-News und den Berichten darüber, mit durch KI generiertem Content und Reels, welche in Sekundenschnelle weitergewischt werden?
Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass dieser Notdienst noch nachhallt und meine Perspektive verändert hat. Die Fragen, die mir nicht nur, aber eben auch besonders in diesen Situationen gestellt werden, in welchen Menschen in Not sind, benötigen andere Antworten. Wir haben uns in meiner Apotheke schon immer bemüht, Lösungen zu finden, mitzudenken, Verbindungen zu ziehen, aufzuklären und Einordnung zu geben. Nicht zuletzt, aber gerade auch in diesen gesundheitspolitisch herausfordernden Zeiten, ist es uns wichtig, unsere Kundinnen und Kunden nicht mit Standardantworten ziehen zu lassen, sondern auch mal über den Tellerrand zu sehen. Wir bilden uns mit einer großen Anzahl von Fort- und Weiterbildungen im Jahr weiter, nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung und stellen uns den Herausforderungen der politischen Rahmenbedingungen. Weil wir lieben, was wir tun. Weil es nicht nur ein Nine to Five Job für uns ist. Und dennoch straucheln wir manchmal in einem Telefonat.
Mein persönliches Fazit aus diesem Notdienst: öfter mal die Perspektive wechseln. In diesem Sinne: habt einen schönen, entspannten und vor allem gesunden Sonntag mit persönlichen Gesprächen und Begegnungen.