14/05/2026
Aus dem Newsletter von Jangysi:
Von Körpererinnerung zu neuronaler Flexibilität: eine neue Perspektive
Kotler, S., Mannino, M., Fox, G., & Friston, K. (2026).
The body does not keep the score: Trauma, predictive coding, and the restoration of metastability.
Frontiers in Systems Neuroscience, 20, Article 1812957.
https://doi.org/10.3389/fnsys.2026.1812957
Liebe Kolleginnen und Kollegen
Ein neuer Opinion-Artikel von Kotler, Mannino, Fox und Friston (2026) stellt eine provokante These zur Diskussion: Trauma werde nicht im Körper „gespeichert“, sondern durch das Gehirn immer wieder neu vorhergesagt und reinszeniert. Die Autor:innen kritisieren damit die populäre Metapher, der Körper „bewahre“ traumatische Erfahrungen wie ein Archiv. Aus Sicht moderner Systemneurowissenschaft und Predictive Processing sei präziser: Das Gehirn entwickelt nach Trauma überstarke Gefahrenerwartungen und interpretiert Körperempfindungen – etwa Herzrasen, Engegefühl oder Anspannung – wiederholt als Hinweise auf anhaltende Bedrohung.
Im Zentrum steht das Konzept der Metastabilität: die Fähigkeit neuronaler Netzwerke, flexibel zwischen verschiedenen Zuständen zu wechseln. Nach Trauma kann diese Flexibilität eingeschränkt sein. Das Gehirn bleibt dann gewissermassen in engen „Gefahren-Schleifen“ gefangen: Bedrohung wird erwartet, körperliche Aktivierung wird als Bestätigung gelesen, und dadurch stabilisiert sich das Bedrohungsmodell weiter. Symptome wie Hypervigilanz, Intrusionen und Vermeidung erscheinen in diesem Modell als Folgen rigider Vorhersagen – nicht als Ausdruck einer im Gewebe gespeicherten Erinnerung.
Die Autor:innen betonen zugleich, dass der Körper in der Traumafolgesymptomatik sehr wohl eine zentrale Rolle spielt – aber nicht als Archiv, sondern als Teil eines dynamischen Rückkopplungssystems zwischen Gehirn, Körper und Umwelt. Somatische Symptome werden damit nicht bagatellisiert; sie werden anders erklärt: als fehlkalibrierte Interaktion zwischen Erwartung, Handlung und Empfindung.
Klinisch interessant ist die daraus abgeleitete Perspektive auf Behandlung. Heilung bedeutet in diesem Modell nicht primär, „im Körper gespeicherte“ Erinnerungen freizusetzen, sondern die Flexibilität des Nervensystems wiederherzustellen. Unterschiedliche wirksame Interventionen – etwa Exposition, EMDR, Achtsamkeit, Bewegung, Naturerfahrungen oder Flow-induzierende Aktivitäten – könnten aus dieser Sicht über einen gemeinsamen Mechanismus wirken: Sie erweitern den Handlungsspielraum, korrigieren Bedrohungserwartungen und fördern flexible Netzwerkdynamik.
Besonders spekulativ, aber anregend ist der Abschnitt zu Flow-Zuständen. Die Autor:innen vermuten, dass hoch absorbierende, sinnvolle und herausfordernde Aktivitäten – etwa Surfen, Klettern, Musik, Sport oder kreative Tätigkeiten – helfen könnten, starre Bedrohungsschleifen zu unterbrechen. Flow wird als Zustand verstanden, in dem Unsicherheit nicht mehr als Gefahr, sondern als Aufforderung zu Handlung erlebt wird. Damit könnte Flow Agency, Selbstwirksamkeit und flexible Anpassung fördern.
Einschränkung:
Der Artikel ist ein theoretischer Opinion-Beitrag, keine empirische Studie. Die zentrale These, dass PTSD mit reduzierter Metastabilität einhergeht, ist plausibel und neurowissenschaftlich anschlussfähig, wurde aber bislang noch nicht direkt mit etablierten Metastabilitätsmassen in klinischen PTSD-Populationen überprüft.
Fazit für die Praxis:
Der Beitrag lädt dazu ein, Traumafolgen weniger als „eingeschriebene Körpererinnerungen“ und stärker als dynamische, veränderbare Vorhersagemuster zu verstehen. Für die Psychotherapie ist dies eine hoffnungsvolle Perspektive: Trauma ist nicht einfach im Körper fixiert – das Nervensystem kann lernen, Bedrohung neu zu bewerten, Flexibilität wiederzugewinnen und Sicherheit in Unsicherheit zu erfahren.
Liebe Grüsse
Jan Gysi
www.jangysi.ch
Informationen zu Trauma & Dissoziation, von Dr. med. Jan Gysi, Bern CH.