30/08/2026
Die erste Geburt verlief anders als gewünscht. Körperlich und mental gut vorbereitet ging sie ins Geburtshaus. "Bleib in deiner Kraft" - das Mantra der Hebamme war für sie nach vielen Stunden nicht mehr hilfreich und der Fortschritt blieb aus. Ein Ortswechsel wurde nötig und Rio im Kreißsaal bauchgeboren.
Der Wunsch nach einer vaginalen Geburt blieb, zusammen mit dem großen Vertrauen in die Gebärfähigkeit ihres Körpers.
Der letzte Urlaubstag ihrer Beleghebamme. Am Morgen tropft im Bad Blut auf den Boden. Ein dünnes Rinnsal läuft ihr den Oberschenkel runter. Die Gebärmutter wird ab und zu kurz fest. Sie spürt ihr Kind und versichert sich selbst immer wieder, dass alles gut ist. Die Hebamme ist der selben Meinung.
Am Nachmittag erneut frischblutiger Schleim. Abwarten und ausruhen fühlt sich richtig für sie an. Das Baby im Bauch strampelt wie zur Bestätigung.
In der Nacht werden die Kontraktionen deutlicher. Alle 10 Minuten, den Schlaf störend, aber aushaltbar.
In der Badewanne verkürzen sich die Abstände erstmal, danach Pause. Alles wieder ruhig.
Im Laufe des Tages kehren die Wehen immer mal wieder zurück. Alte, dunkle Zeichenblutung.
Nachmittags nimmt die Frau noch ihren Osteopathietermin wahr.
Die Kontraktionen kommen häufiger, noch unregelmäßig. Sie veratmet, aber muss sie oder macht sie es einfach weil... Die Schwangere ist verunsichert und kann selbst nicht sagen, was das alles bedeutet. Umso mehr freut sie der Hebammenbesuch.
Sie wirkt entspannt, hält kurz inne, wenn ihr Bauch sich verhärtet. Das Baby bewegt sich wie gewohnt, das Herz schlägt kräftig.
Der Muttermund ist bereits 4-5cm geweitet, die letzten Stunden waren nicht umsonst, die Wehen zeigen tastbare Wirkung. Die Frau ist versichert und sehr erleichtert.
Die gute Nachricht reicht ihr. Sie möchte heute keine unterstützenden Maßnahmen mehr. Vielleicht kann sie so ja nachts noch mal schlafen.
Die erhoffte Nachtruhe ist gegen 23 Uhr zweifelsfrei vom Tisch.
Die Wehen sind eindeutig, kräftig. Sie signalisieren Geburt. Jetzt veratmet sie ohne Fragezeichen.
Wenige Minuten nach Mitternacht trifft das Paar ihre Hebamme im Kreißsaal.
Die Frau trägt Kopfhörer und ein Tensgerät.
Sie sucht im Gebärraum die beste Position, probiert das Bett, einen Stuhl, den großen Ball.
Ist das wirklich was?, fragt sie sich. Vielleicht ist es doch noch zu früh.
Die nächste Wehe wischt alle Bedenken davon. Fluchend und tönend sucht sie Halt. Es drückt. So, als ob etwas raus will.
Eine pralle Fruchtblase drückt in den 7cm geöffneten Muttermund. Das Köpfchen tanzt im Fruchtwasser auf dem Becken.
Atmend schiebt sie mit der Wehe. Geht in die Knie. Er massiert ihr Kreuzbein.
Das Stehen ermüdet sie.
Als die Hebamme ihr verspricht, dass horizontale Positionen kein Nachteil sein müssen, legt sie sich auf das breite Bett.
Der Druck in die Va**na treibt sie wieder in die Aufrechte. Sie kann nicht anders als dem starken Gefühl nachzuhelfen.
Ein schmaler, weicher Gewebekranz umgibt die stabile, gefüllte Eihautblase. Während er im Bad den Pool aufbaut und befüllt, ergießt sich ein Schwall Fruchtwasser zwischen ihren Beinen.
Die plötzliche Intensität erschrickt und überfordert die Gebärende. Ich kann nicht mehr, jammert sie. Ich schaff das nicht!
Ihr Wehenklagen begleitet nun das kraftvolle Tönen bei jeder Kontraktion.
Sie legt sich auf die Seite und nimmt dankbar die von der Hebamme dargereichte gasförmige Unterstützung entgegen.
Sie liebt es und ist merklich entspannter. Ihr Mann steht ihr wieder zur Seite. Reicht ihr Wasser.
Die Frau zieht das obere Bein zu sich, schiebt knurrend nach Gefühl.
Ins Bad zu gehen, ist keine Option mehr.
Langsam geht der Kopf in Kontakt mit dem Becken. Nun ist es die Hebamme, die mehr Schwerkraft möchte. Die Frau wechselt in den Kniestand. Sie flucht und schimpft: Scheiß auf die spontane Geburt! Ich will das alles nicht mehr!
Die Hebamme bietet ihr scherzhaft die Sectio an. Die Gebärende nimmt ohne zögern an, obgleich sie ahnt, dass es dafür wohl schon zu spät ist.
Motzend und die Gesamtsituation beklagend bewegt sie sich leichtfüßig in die tiefe Hocke. Die runzelige weiche Kopfhaut taucht in der Va**na auf.
Er setzt sich hinter seine Frau. Stützt sie körperlich und ermutigt sie mit Worten. Ihr Partner und die Geburtshelferin spüren die Kraft, von der sie glaubt, sie nicht mehr zu haben.
Die Wehe ebbt ab und Kopf gleitet sich ins Unsichtbare.
Das Vor und Zurück, der stetige jedoch langsame Fortschritt fordern ihre Geduld und Stärke und bringen sie an ihre Grenzen.
Sie gebietet der Hebamme, ihre Finger weg zu nehmen, will ich nicht mehr!, sie flucht, atmet Lachgas, glaubt ihrem Mann, der ihr sagt, dass sie es großartig macht, kein Wort.
Sie greift nach dem angebotenen Seil, er hält ihr die Maske.
Vorsichtig befühlt sie selbst das Köpfchen. Ihr Rücken schmerzt, sie kniet nieder, wechselt in den Kniestand.
Es brennt. Der Druck ist schmerzhaft, sie ist frustriert und verzweifelt.
Er zieht sie in Seitenlage auf das Bett, hält sie in seinen Armen. Sie schiebt tief tönend, laut. Mutig.
Das CTG ruft die Ärztin in den Saal. Erfreut nimmt sie den dunklen Haarschopf zwischen den Labien zur Kenntnis.
Gemeinsam atmen und motivieren die Geburtshelferinnen die Frau. Das Lachgas kommt nur noch jede zweite Wehe zum Einsatz. Sie nutzt die ganze Länge der Wehe, schiebt gegen und mit dem Druck. Auch die Ärztin ist beeindruckt, wie gut die Frau das macht. Endlich verweilt das Köpfchen und bald darauf spürt sie den ersehnten und verhassten "Ring of fire". Sie tastet nach ihrem Kind.
Der Kopf wird geboren, der Körper dreht sich und ein Arm streckt sich in diese Welt. Zwischen den Schulterbättern ein Knäuel von Nabelschnur, eine lockere Schlinge um das Beinchen gewickelt.
Das kleine Mädchen liegt zwischen den Beinen seiner Mutter. So schnell als möglich hilft er ihr aus ihrer Kleidung. Wir haben es geschafft!, murmelt sie immer wieder zu sich selbst. Sie nimmt ihre käseschmierige Tochter zu sich auf die Brust. Riva wird liebevoll begrüßt. Die auspulsierte Nabelschnur durchtrennt ihr Vater.
Dass sie in ein paar Stunden wieder nach Hause wollen, steht außer Frage.
Stillen klappt sofort, die Geburtsverletzungen werden versorgt, gegen die Nachwehen gibt's Schmerzmittel und auch, wenn der Kreislauf sich ein wenig bitten lässt, spielt er am Ende mit.
Und so ist die gewachsene Familie zum Frühstück wieder vereint und startet in den neuen Lebensabschnitt zu Viert 💜