17/10/2021
#9 Work-Life-Balance ist nur was für Faule u. Schwache
Liebes Tagebuch,
in welcher Welt leben wir eigentlich?
Vor kurzem hab ich online Folgendes gelesen, wo jemand nach einem guten Haustierarzt fragte. Eine Antwort lautet wie folgt: „Ich kann Dir meinen Dr. X### wärmstens empfelen. den kann ich zu jeder Tag und Nachtzeit erreichen, toller Typ. Genauso wie bei 'Der Dokter und das liebe Vieh'“
Wow, in meinen Augen ein Schwindler oder echt so ne arme Sau ohne Freunde und Familie. Von dieser Spezies gibt’s tatsächlich noch welche. Fahren nie in Urlaub, sind für jeden und für alles rund um die Uhr zu erreichen. Klar, einsam… aber das ist doch vollkommen nebensächlich. Ist doch nachts ohnehin meist eh egal - ist ja ne einmalige Sache und obendrein geht’s ja schließlich um sein/ihr Tier.
Aber ein Tierarzt mit Alkohol- und/oder Medikamentensucht… ach, hat niemand gesehen. Bis das Begräbnis rum ist… dann wollen es alle gewusst haben. „War ja so ein Lieber - Rest In Piece, Regenbogenbrücke, bla und blubb“
Ich kenne aber auch die Anderen… die Dummschwätzer a la „Klar, für Euch und Euer Sorgenkind bin immer erreichbar und sofort zur Stelle“ - blöd nur wenn man ganz zuuufällig ständig die gleiche Story zu hören bekommt… Der liebe Michi [der Kollege] hatte gestern Nacht einen Notkaiserschnitt und hat dabei ein Kälbchen gerettet. Deswegen war keine Zeit meinem Felix zu helfen.
Wie heißt es nochmal gleich wenn einem das Essen wieder retour kommt? Exakt!
Der behandelt nämlich genauso häufig Rinder wie ich Giraffen in der Serengeti.
Da kann wohl jemand nicht zugeben, dass er/sie auch mal nachts ne Auszeit braucht. Eigentlich schade und sollte mich so doll stören wie ein umfallender Sack Reis an der Grenze zu Nordkorea.
Tut es aber aus einem ganz signifikanten Grund nicht und der kommt jetzt:
Work-Life-Balance ist weder was schlimm Ansteckendes noch zeugt es von Schwäche. Ich habe mich früher tatsächlich dafür entschuldigt, dass ich gerade frei hatte - zwar am Handy erreichbar aber dennoch weit entfernt (bspw. beim Einkauf in der nächsten Großstadt). Es tat mir richtig leid, dass ich frei hatte und mich nicht kümmern konnte. Die Vorwürfe von Herrchen/Frauchen saßen darüberhinaus heftig.
Ich kenne keinen Tierarzt mit voller Stelle, der/die unter 45 Stunden pro Woche arbeitet. Der Großteil liegt schon eher deutlich jenseits der 50-Stunden-Woche. Und sich dann noch entschuldigen wenn man einen Nachmittag mit der Familie verbringt? Irgendwie abstrus bis pervers, oder?
Heute geh ich, wenn ich frei habe, definitiv an kein Telefon, beantworte keine WhatsApp-Anfragen oder sonstige Kontaktversuche - vollkommen drecksegal ob ich zu Hause auf dem Sofa ausruhe oder an einer Familienfeier fern ab der Heimat teilnehme. Ein Sprichwort lautet „Wenn Du ran gehst, bist Du dran.“
Und das Maß ist mehr als voll!!!
Ich schäme mich auch nicht mehr dafür 'gestern Nacht' nicht erreichbar gewesen zu sein. Ich bin kein Terminator, sondern ein Mensch - mit Stolz und Würde.
Im Urlaub das gleiche Spiel - in meinem Fall 2 Wochen pro Jahr… man weiß eigentlich ganz genau, dass wir 'nicht da' sind (wird ja schließlich alljährlich mehrere Wochen im Voraus überall angekündigt) aber dann wird doch versucht und angerufen ob man nicht doch ne Ausnahme machen kann - wenn man doch pandemiebedingt sowieso zu Hause geblieben ist.
Unglaubbar.
Wenn Tierkliniken bereits reihenweise ihre Notdienstbereitschaften abstellen (müssen) weil sie sie trotz 3-Schicht-System mit mehr als 20 Tierärzten nicht gestemmt bekommen, kann ich mir auch beruhigt und ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen nachts mal eine Erholungsphase gönnen (incl. Durchschlafen von 23-5Uhr).
Oder steht das Tierwohl höher als das des dummen Esels namens Tierarzt?
Wer kein Verständnis dafür aufbringt und sich deshalb einen neuen Tierarzt sucht, suuuper Sache… Reisende soll man nicht aufhalten.
Aber bei all dem Allzeit-Bereit-Quatsch der heutigen Zeit wundert sich wahrscheinlich so manches Versorgungswerk (Rentenkasse für Tierärzte) wie häufig nur noch die Hinterbliebenen das Geld ausbezahlt bekommen.
Und wer den Anspruch auf Work-Life-Balance seinem Tierarzt abspricht und ihn/sie allzeit und zu jeder Tages- sowie Nachtzeit erreichen können möchte, der/die sollte sich dann nicht wundern (gerade bei kleinen Praxen mit 1-2 Tierärzten) wenn einem der Name in der Todesanzeige so bekannt vorkommt.
Vor kurzem habe ich im TV gesehen, dass die ständige Erreichbarkeit durch Vorgesetzte gerade bei Büro-Angestellten krank machen soll... Aha, soso. Wir sprechen hier von einem Kreis mit ca. fünf-zehn Personen, die sich melden (können)?
Und wie wäre es dann wenn man an diese einzelne Ziffer zwei oder gar drei Nullen hängt?
Es muss sich an diesem System des Hamsterrads dringend was ändern... aktuell platzt bereits bundesweit die tierärztliche Notdienstblase und wenn nicht schleunigst gehandelt wird, dann wird zukünftig kaum noch jemand diesen fantastischen Beruf erlernen wollen.
So kann es jedenfalls nicht weitergehen.
Nur was würde James Hariett wohl heutzutage dazu sagen?