21/06/2026
DER STRUKTURWANDEL IN DER TIERMEDIZIN: Eine sachliche und berufspolitische Betrachtung aktueller Entwicklungen 🩺⚖️
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Tierhalter,
die Tiermedizin befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Aktuelle Medienberichte aus Ostwestfalen-Lippe (OWL) rund um den öffentlich diskutierten Fall einer Kollegin, die nach dem Verkauf ihrer Praxis an eine Investorengesellschaft aus dem Betrieb ausgeschieden ist, bewegen derzeit die gesamte Branche.
Als freier Berufsstand ist es unsere Pflicht, diese strukturellen Veränderungen sachlich, neutral und vorausschauend zu analysieren. Es geht hierbei nicht um die Bewertung einzelner Marktteilnehmer oder Verträge, sondern um eine fundamentale, berufspolitische Diskussion über die Zukunft der inhabergeführten Tiermedizin.
1. Das Konzept von Corporate-Praxisstrukturen
Der Einstieg von Kapital- und Investorengesellschaften in den tiermedizinischen Markt bietet unbestreitbar gewisse betriebswirtschaftliche Ansätze, die für verkaufswillige Inhaber im ersten Moment Entlastung versprechen:
Administrative Entlastung: Die Übernahme von Personalverwaltung, Buchhaltung und Abrechnungswesen durch zentrale Strukturen.
Geregelte Arbeitszeitmodelle: Die Möglichkeit, für Angestellte starre Schichtsysteme und verlässliche Freizeitregelungen zu etablieren.
Nachfolgelösungen: Eine Option für Praxisinhaber, die keinen privaten Nachfolger finden, ihr Lebenswerk zu übergeben.
2. Die ökonomischen Realitäten und die unternehmerische Unabhängigkeit
Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht müssen Investorengesellschaften renditeorientiert agieren, um die getätigten Investitionen zu rechtfertigen. Für ehemals selbstständige Tierärzte, die nach einem Verkauf als Angestellte im Unternehmen verbleiben, ergeben sich daraus völlig neue Rahmenbedingungen:
Weisungsgebundenheit: Der Status ändert sich vom freien Unternehmer zum weisungsgebundenen Angestellten. Strategische und personelle Entscheidungen obliegen letztlich der übergeordneten Geschäftsführung.
Prozessoptimierung: Die Einführung konzernweiter Standards und betriebswirtschaftlicher Kennzahlen (KPIs) zur Effizienzsteigerung ist in solchen Strukturen branchenüblich. Dies kann zu Konflikten mit der gewohnten, individuellen Praxisphilosophie führen.
Veränderung der Praxisidentität: Die traditionelle, oft jahrzehntelange persönliche Bindung zwischen dem inhabergeführten Tierarzt und dem Halter geht in einem korporativen System naturgemäß in standardisierte Prozesse über.
3. Ein Plädoyer für den Erhalt der freien Tiermedizin
Als Tierärzte haben wir einen hippokratischen Eid geschworen und üben einen freien Beruf aus. Die Therapiefreiheit und die Unabhängigkeit medizinischer Entscheidungen sind das höchste Gut unseres Berufsstandes. Daher ist es wichtig, dass sich die Kollegenschaft intensiv mit den langfristigen Folgen des Strukturwandels auseinandersetzt:
Förderung tierärztlicher Nachfolgemodelle: Wir müssen als Berufsstand verstärkt junge Kolleginnen und Kollegen dazu ermutigen und darin unterstützen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, um die flächendeckende, unabhängige Versorgung zu sichern.
Kooperative Praxismodelle: Kooperationen, Gemeinschaftspraxen (GbR/PartG) oder genossenschaftliche Zusammenschlüsse bieten Möglichkeiten, administrative Lasten zu teilen, während die medizinische und unternehmerische Führung in tierärztlicher Hand bleibt.
Sicherung der Vielfalt: Ein gesunder Markt lebt von der Vielfalt aus spezialisierten Kliniken, korporativen Zentren und unabhängigen Hausarzt-Praxen. Der Erhalt der inhabergeführten Strukturen sichert den Wettbewerb und die Wahlfreiheit für Tierhalter.
Der Fall aus OWL zeigt exemplarisch, wie wichtig eine sorgfältige und langfristige Planung bei der Nachfolge- und Praxisgestaltung ist. Wir appellieren an die gesamte Kollegenschaft, die Unabhängigkeit unseres Berufsstandes als wertvolles Gut zu betrachten und medizinische Entscheidungen stets primär am Wohl des Tieres auszurichten.
Lassen Sie uns gemeinsam den Dialog suchen – sachlich, konstruktiv und im Sinne der Zukunft unserer Profession.
TEILEN, um den sachlichen Austausch innerhalb der tierärztlichen Gemeinschaft zu fördern.