20/08/2026
Wer Systemik verstanden hat, kann „Männerbashing“ und „Frauenbashing“ fachlich gar nicht betreiben.
Weil Systemik ja gerade nicht fragt:
„Wer ist hier jetzt der Böse?“, sondern:
„Welche Wechselwirkung stabilisiert welches Muster, welche Position nimmt wer ein, und was verändert sich, wenn einer seinen Platz verändert?
Und ich möchte dabei sogar noch einen Schritt weitergehen:
Meine Texte an Frauen sind nicht deshalb „gegen Männer“, weil ich Frauen auffordere, ihren Anteil, ihre Position und ihre Entscheidungsmacht anzuschauen.
Eigentlich ist das Gegenteil der Fall.
Ich mache Männer ja gerade nicht zum „allmächtigen Verursacher weiblichen Unglücks“.
Ich hole die Handlungsmacht zur Frau zurück.
Deshalb heute mal das Wort an alle Leserinnen und Leser hier auf Follow…
„Warum meine Texte über Männer niemals Männerbashing sein können“
Denn ich glaube, nach Rüdiger und Martin sollten wir darüber tatsächlich einmal sprechen 😉
Denn sobald ich hier einen Text über Beziehungen schreibe, in dem ein Mann beispielsweise fremdgeht, Verantwortung verweigert, sich nicht positioniert, Nähe erzeugt und anschließend die Verantwortung dafür ablehnt oder eine Frau jahrelang in einer Beziehungsordnung verharrt, die ihr nicht guttut, dauert es meistens gar nicht besonders lange.
Dann kommt irgendwann - durch die Blume oder offen kommuniziert:
„Männerbashing.“
Und ich denke jedes Mal:
Nein. Systemik.
Und zwischen genau diesen beiden Dingen liegt ein riesiger Unterschied, über den wir dringend mal sprechen sollten, damit meine Seite und meine Arbeit hier nicht missverstanden werden:
Männerbashing würde bedeuten:
Der Mann ist das Problem.
Er ist schuld.
Er muss anders werden.
Wenn er endlich anders wäre, könnte es der Frau gut gehen.
Das wäre nicht nur ziemlich platt.
Es wäre auch zutiefst unsystemisch.
Denn Systemik interessiert sich nicht dafür, einen Schuldigen auf die Anklagebank zu setzen.
Systemik schaut auf Beziehungsordnungen (!).
Auf Wechselwirkungen.
Auf Rollen.
Auf Erwartungen.
Auf Reaktionen.
Auf das, was einer TUT, und darauf, was der andere daraufhin TUT.
Und darauf, wie genau daraus irgendwann etwas entsteht, das beide möglicherweise seit Jahren „unsere Beziehung“ nennen.
Deshalb schreibe ich hier auch nicht:
„Liebe Frauen, findet endlich bessere Männer.“
Ich schreibe, immer und immer wieder:
„Schaut auf euren Platz!“
Das ist etwas völlig anderes.
Denn natürlich kann ich feststellen, dass ein Mann lügt. Ich kann feststellen, dass er sich nicht positioniert. Ich kann feststellen, dass er Verantwortung vermeidet.
Ich kann feststellen, dass sein Verhalten für eine Frau verletzend, respektlos oder schlicht nicht kompatibel mit ihrer Vorstellung von Beziehung ist.
Systemik verlangt von mir schließlich nicht (!), beobachtbares Verhalten weichzuspülen, damit sich bloß niemand bewertet fühlt.
Aber anschließend kommt dann doch die viel interessantere Frage:
Und was macht SIE nun mit dieser Information?
Bleibt sie?
Erklärt sie?
Wartet sie?
Kontrolliert sie?
Entschuldigt sie?
Versucht sie, ihn zu überzeugen?
Versucht sie, so verständnisvoll zu werden, dass sie irgendwann sogar Dinge versteht, die sie eigentlich gar nicht mehr akzeptieren möchte?
Oder verändert sie ihren Platz?
Genau deshalb ist meine Arbeit mit Frauen übrigens auch das Gegenteil davon, Männer für alles verantwortlich zu machen.
Denn wenn ich einer Frau erzählen würde:
„Dein Leben wird besser, sobald ER sich verändert“,
würde ich ihre Handlungsfähigkeit ausgerechnet bei dem Menschen deponieren, über den sie möglicherweise überhaupt keine Verfügung hat.
Das wäre keine Ermächtigung.
Das wäre Abhängigkeit mit therapeutischem Vokabular.
Ich arbeite anders.
Ich sage:
„Vielleicht verändert er sich.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht versteht er dich irgendwann.
Vielleicht niemals.
Vielleicht erkennt er seinen Anteil.
Vielleicht wird er noch in zehn Jahren erzählen, du seist das Problem gewesen.
Aber keine dieser Möglichkeiten entscheidet darüber, welchen Platz DU morgen einnimmst.“
Und genau dort (!) beginnt Systemik für mich interessant zu werden.
Denn ein System verändert sich nicht erst dann, wenn endlich alle Beteiligten Einsicht zeigen.
Manchmal reicht es, wenn einer (!) aufhört, seinen bisherigen Teil zuverlässig beizutragen.
Und deshalb kann ein Text von mir sehr deutlich über männliches Verhalten sprechen und trotzdem kein Männerbashing sein.
Ich beschreibe Verhalten.
Nicht Geschlechter als Wesensdiagnose.
Ich schreibe nicht:
„Männer sind so.“
Ich schreibe:
„Wenn ein Mensch sich so verhält, schau hin, was dieses Verhalten mit dir macht, und vor allem, was DU anschließend tust.“
Und ja:
Auf Follow schreibe ich überwiegend für Frauen.
Also spreche ich Frauen an.
Ich frage nach ihrem Platz.
Nach ihren Grenzen.
Nach ihren Wiederholungen.
Nach ihren Entscheidungen.
Nach den Stellen, an denen sie möglicherweise selbst seit Jahren eine Ordnung stabilisieren, unter der sie gleichzeitig leiden.
Und manchmal ist genau das übrigens ziemlich unbequem.
Denn echte systemische Arbeit sagt einer Frau eben nicht nur:
„Der böse, böse Mann hat dir wehgetan.“
Sie fragt auch:
„Und warum stehst du noch dort?“
Nicht als Schuldfrage!
Sondern als Frage nach Handlungsmacht!
Vielleicht ist genau das der Punkt, der in diesen ewigen Bashing-Debatten komplett verloren geht:
Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe!
Ich kann keine Schuld daran tragen, wie ein anderer Mensch sich verhält.
Und trotzdem Verantwortung dafür übernehmen, wie lange ich mich diesem Verhalten weiterhin zur Verfügung stelle.
Das ist ein so riesiger Unterschied.
Und übrigens gilt exakt dasselbe für Männer.
Würde ich hier für 27.000 Männer schreiben, würde ich ihnen dieselben (!) Fragen (!) stellen.
Wo gibst du dich auf?
Wo versuchst du seit Jahren, eine Frau zu verändern?
Wo akzeptierst du Verhalten, das deinen eigenen Werten widerspricht?
Wo hältst du eine Dynamik am Leben, über die du dich gleichzeitig beklagst?
Wo verwechselst du Liebe mit Aushalten?
Und wo wartest du darauf, dass SIE sich verändert, damit DU endlich ein anderes Leben führen kannst?
Systemik kennt an dieser Stelle nämlich kein bevorzugtes Geschlecht.
Sie kennt Positionen (!).
Und vielleicht ist genau das die unbequemste Wahrheit:
Manchmal verändert sich dein Leben nicht deshalb nicht, weil der andere sich weigert, sich zu verändern. Sondern weil du deine eigene Position noch immer davon abhängig machst, dass er es zuerst tut.
Deshalb werde ich weiterhin über Männer schreiben.
Über Frauen übrigens auch.
Über Bindung.
Über Verantwortung.
Über Bequemlichkeit.
Über emotionale Unverfügbarkeit.
Über Anpassung.
Über Menschen, die gehen.
Und über Menschen, die viel zu lange bleiben.
Nicht, um ein Geschlecht gegen das andere aufzubringen.
Sondern weil Beziehung dort beginnt, wo zwei (!) Wirklichkeiten aufeinandertreffen.
Und Systemik erst dort interessant wird, wo wir endlich aufhören zu fragen:
„Wer von uns beiden ist schuld?“
und anfangen zu fragen:
„Was genau stellen wir hier eigentlich miteinander her, und welchen Teil davon bin ICH ab heute nicht mehr bereit mitzutragen?“
Das ist kein Männerbashing.
Das ist auch kein Frauenbashing.
Das ist der Moment, in dem Schuldzuweisung endet und Selbstverantwortung beginnt.
Sandra ❤️
PS: eines der sicher mit größten Komplimente meiner Arbeit habe ich übrigens über viele Jahre von Männern bekommen.
Vor allem von Männern, die mit ihren Frauen zu mir nach Koblenz, direkt in meine Praxis kamen.
Und ja, einige von ihnen kamen mit einer sehr speziellen Sorge, die sie mir später auch erzählt haben:
„Da sitzt jetzt eine Frau! Und am Ende halten die beiden Frauen zusammen und ich bin hier wieder mal der Arsch.“
Passiert ist etwas ganz anderes.
Denn ich war nie auf der Seite der Frau.
Ich war auch nie auf der Seite des Mannes.
Ich war auf der Seite dessen, was zwischen beiden passiert.
Und vielleicht möchte ich das genau deshalb heute einmal klarstellen hier. Denn das Wort „Männerbashing“ fällt unter meinen Texten gar nicht ständig exakt und ausdrücklich.
Aber ich bekomme seit Jahren immer wieder mal Rückmeldungen, die genau in diese Richtung gehen:
Ich sei männerfeindlich.
Ich würde gegen Männer schreiben.
Ich würde Frauen gegen Männer aufbringen.
Und jedes Mal denke ich dann:
Wie kommt man eigentlich von „Sie schreibt für Frauen“ zu „Sie schreibt gegen Männer“?
Das eine folgt aus dem anderen doch überhaupt nicht.
Für Frauen zu schreiben bedeutet nicht (!), gegen Männer zu schreiben.
Eigentlich ist schon diese gedankliche Gleichsetzung interessant. Als müsste die Stärkung der einen Seite automatisch die Abwertung der anderen bedeuten.
Als gäbe es zwischen Männern und Frauen nur ein begrenztes Kontingent an Würde, Selbstbestimmung und Handlungsmacht, und sobald Frauen mehr davon beanspruchen, müsste Männern zwangsläufig etwas weggenommen werden.
Nein.
Und es wäre bei mir auch beruflich komplett paradox.
Durch meine Praxis sind über die Jahre etliche Männer gegangen. Bis heute. Auch als Einzelklienten. Nicht nur als Partner im Paarcoaching. Und einige dieser Männer, die bereits persönlich bei mir saßen, lesen bis heute hier auf Follow mit.
Sie haben erlebt, dass ich einer Frau genauso deutlich ihren Anteil an einer Beziehungsdynamik zurückgebe wie einem Mann.
Denn das ist mein Beruf. Zumindest einer von beiden.
Ich verteile keine Geschlechterbonuskarte.
Ich schaue auf Systeme.
Und genau deshalb können Texte über Männer niemals Männerbashing oder gar der Aufruf dazu sein… sofern man verstanden hat, was Systemik eigentlich bedeutet.
Sandra