05/06/2020
Das jameda-Interview: 10 Fragen an Herrn Dr. med. Eugen Gaiser
jameda: Was macht Ihnen im Praxisalltag am meisten Freude? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Herr Dr. Gaiser:
Am meisten Freude im meinem Praxisalltag macht mir das „Behandeln“ von Patienten mit den eigenen Händen und mittels Techniken der Manualmedizin. Als ärztlicher Osteopath bin vollkommen weg gekommen vom „reinen Verordnen“ und „Überweisen“. Die Diagnostik und Therapie des Patienten bleibt bei mir „in einer Hand“. Die größte Herausforderung sehe ich in der Behandlung von komplexen Krankheitsbildern und langstehenden Schmerzzuständen, wo ärztliche Kollegen „scheiterten“, d.h. wo der Therapieerfolg bisher ausblieb.
jameda: Welchen Vorurteilen begegnen Sie häufig in Ihrer Praxis?
Herr Dr. Gaiser: Ein besonders „hartnäckiges“ Vorurteil, daß von Patienten, aber auch Ärzten ausgeht, ist , daß der Patient keine Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates haben kann, wenn auf der Bildgebung z.B. MRT kein krankhafter Befund zu sehen ist. Als erfahrener Orthopäde und ärztlicher Osteopath weiss ich, daß bei Schmerzen neben den sichtbaren strukturellen Befunden, eine Vielzahl von funktionellen Störungen vorhanden sein können. Ursache hierfür können eine Muskelschwäche- oder ungleichgewicht, Statikprobleme, Beckenschiefstand- und Beinlängendifferenzen, aber auch Stresszustände durch Arbeit oder Familie sein.
jameda: Manche Krankheiten und Therapien sind unangenehm und verlangen viel Durchhaltevermögen vom Patienten. Was raten Sie Patienten in solchen Situationen?
Herr Dr. Gaiser: In der Regel sind dem Patienten durch ein ausführliches, aufklärendes Gespräch und ein empathischer Zugang des Arztes, seine Ängste vor unangenehmen Therapien zu nehmen. Wir besprechen gemeinsam Therapieablauf und Therapieziele. Für ein gutes Therapieergebnis wird häufig Durchhaltevermögen benötigt. Die meisten Patienten wissen das.
jameda: Wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass ein Patient Ihren Therapieplan nicht befolgt?
Herr Dr. Gaiser: Ich führe ein Gespräch mit dem Patienten und weise ihn darauf hin, daß er am Steuer sitzt und ich ihm nur den Weg zeigen kann. Dies setzt ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis voraus. Ist dies nicht vorhanden oder nicht zu erreichen würde ich die Therapie des Patienten beenden und ihn an einen anderen Kollegen verweisen. Zum Glück kam dies in meiner medizinischen Laufbahn bisher nur einmal vor.
jameda: Wenn Sie das Gesundheitssystem ändern könnten, was würden Sie als Erstes tun?
Herr Dr. Gaiser: Ich würde mich dafür einsetzen, daß die „gesprochene Medizin“ wieder in den Vordergrund rückt und wir wegkommen von der „Gerätemedizin“. Die „3min-Medizin“, bei der der Arzt nur von einem zum nächsten Behandlungszimmer rennt, muss beendet werden. Dies setzt jedoch voraus, daß sich das bisherige Vergütungssystem ändert.
jameda: Kein Mensch ist perfekt. In welchen Bereichen haben Ärzte Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential?
Herr Dr. Gaiser: Neben der Fachexpertise, die wir alle besitzen, fehlt leider einigen Kollegen das Einfühlungsvermögen und die Wertschätzung des Patienten. Ich versuche jeden Patienten so zu behandeln, wie ich selbst als Patient behandelt werden möchte. Dies ist mir jedoch nur möglich, weil ich der Kassenmedizin den Rücken gekehrt habe und nur noch privatärztlich tätig bin.
jameda: Die Welt der Medizin verändert sich ständig. Gibt es neue Therapieverfahren oder Gerätschaften, die Sie in Ihrer Praxis anwenden?
Herr Dr. Gaiser: Mich fasziniert die Stoßwellentherapie, sowohl radial und fokussiert. Diese wende ich regelmäßig in den klassischen Indikationen wie Fersensporn, Kalkschulter und Tennisellenbogen an. In letzter Zeit verwende ich die Stoßwelle aber auch zunehmend in der Triggerpunkttherapie der Muskeln und Faszien. In meiner Praxis sind die neuesten auf dem Markt befindlichen Stoßwellentherapiegeräte sowohl radial und fokussiert im Einsatz. Als weiteres physikalisches Verfahren verwende ich den LASER, klassisch (hochenergetisch) aber auch in der Form der LASER-Akupunktur (niederenergetisch). Diese Verfahren setzte ich komplementär zu osteopathischen Verfahren, der klassischen Akupunktur, als auch den klassischen Injektionstherapien mit Hyaluronsäure, plättchenreichen Plasma oder Botox ein.
jameda: Gibt es einen Patienten oder ein Erlebnis in Ihrer Praxis, das Sie nie vergessen werden?
Herr Dr. Gaiser: Ich habe einmal eine Patientin behandelt, die wegen therapieresistenten Schwindel nur noch mit Hilfsperson laufen konnte. Alle bisherigen Arztbesuche verliefen erfolglos – die Lage schien aussichtslos. Nach einer Therapiezeit in meiner Praxis von ca.1 Jahr in meiner Praxis war die Patientin wieder komplett symptomfrei, hatte eine neue Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen und in eine andere Stadt gezogen, um ihr neues Leben zu geniessen. Sie schrieb mir später einen langen Dankesbrief und bezeichnete mich darin als ihr „Held“ – ich war zu Tränen gerührt und mir wurde in diesem Moment klar, welche Macht wir Ärzte bei den Patienten besitzen. Es erfüllte mich mit großen Stolz.
jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?
Herr Dr. Gaiser: Bleiben Sie in Bewegung. Körperliche Aktivität beugt Herz- und Kreislauferkrankungen vor, erhält Muskulatur und Knochen und schützt sogar gegen Demenz, wie die neuesten Studien zeigen.