22/07/2026
❤️
Mich haben Menschen mit vermeintlich perfekt trainierten Hunden noch nie beeindruckt.
Ich frage mich immer:
Was hat dieser Hund alles aufgegeben, damit wir ihn als „gut erzogen“, „perfekt trainiert“, „ausgebildet“ oder „brav“ bezeichnen?
Neulich sah ich wieder eines dieser Videos. Ein Hund läuft aufmerksam neben seinem Menschen. Er reagiert auf jedes Signal. Er schaut immer wieder nach oben. Er bekommt Futter. Er darf schnüffeln – allerdings nur dann, wenn der Mensch entscheidet, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist.
Darunter Hunderte Kommentare voller Begeisterung.
„Perfektes Team.“
„So sollte Hundetraining aussehen.“
usw. usf.
Ich kann diese Begeisterung nicht teilen, denn ich habe einen Hund gesehen, der keine eigenen Entscheidungen treffen durfte. Einen Hund, dessen Aufmerksamkeit ununterbrochen auf seinen Menschen gerichtet war. Einen Hund, dessen Verhalten durch Belohnungen so gelenkt wurde, dass für Eigeninitiative kein Platz blieb.
Das ist kein Angriff auf freundliches Training. Es ist jeder Form von Training mit Angst, Schmerz oder Einschüchterung selbstverständlich vorzuziehen.
Wenn mensch ohne Training nicht klarkommt...
Aber auch Belohnung kann Kontrolle sein, wenn sie ausschließlich dazu dient, Verhalten in die von uns gewünschte Richtung zu lenken.
Warum muss ein Hund ständig auf uns achten?
Warum wollen wir, dass Hunde ihre Umwelt ausblenden?
Warum empfinden wir es als erstrebenswert, wenn ein Hund jede Entscheidung an seinen Menschen abgibt?
Ich glaube, wir verwechseln viel zu oft Beziehung mit Kontrolle.
Wir wollen Gehorsam und nennen es Vertrauen.
Dabei lohnt sich eine ganz andere, viel wichtigere Frage:
Muss mein Hund das überhaupt lernen?
Viele Verhaltensweisen trainieren wir nicht, weil der Hund sie braucht, sondern weil sie für UNS praktisch sind. Oder weil sie unserem Idealbild eines „gut erzogenen Hundes“ entsprechen - dem man dann auch vermeintliche Freiheit gewähren kann...
Dabei besitzt der Hund eine Fähigkeit, die viel beeindruckender ist als alles, was wir ihm beibringen können - Anpassung.
Er lernt unsere Abläufe. Er nimmt Rücksicht auf unseren Alltag. Er akzeptiert Regeln, die mit seinem natürlichen Verhalten oft nur wenig zu tun haben. Er verzichtet auf Bedürfnisse, wartet, orientiert sich an uns und versucht, in einer Welt zurechtzukommen, die von Menschen für Menschen geschaffen wurde. Tag für Tag, sein Leben lang.
Ist das nicht eine enorme Leistung?
Und trotzdem wird am Ende der stolze Mensch gefeiert.
Für das, was er seinem Hund „beigebracht“ hat.
Ich finde, Menschen sollten weniger stolz darauf sein, was sie ihrem Hund beigebracht haben, und stattdessen mehr Wertschätzung dafür entwickeln, wie viel ihr Hund jeden einzelnen Tag für sie leistet.
Anpassungsfähigkeit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist ein Geschenk 🙏
Deshalb beginne ich Gespräche über Training oft mit der Frage:
Warum soll dein Hund das überhaupt können?
Nicht jede Fähigkeit verbessert das Leben eines Hundes. Manche erleichtert lediglich unser eigenes.
Nicht alles, was ein Hund lernen kann, muss er lernen.
Und schon gar nicht, weil irgendjemand behauptet, ein "guter" Hund müsse das können.
Und wenn wir etwas verändern möchten, sollten wir uns fragen:
Dient das meinem Hund oder vor allem mir?
Gibt es einen Weg, der ihn möglichst wenig in seinem natürlichen Verhalten einschränkt?
Unterdrücke ich Bedürfnisse, ohne ihm einen echten Ausgleich zu ermöglichen?
Fördere ich Vertrauen oder lediglich Verhalten, das ich mir wünsche?
Unsere Hunde müssen nicht nach menschlichen Maßstäben optimiert werden.
Sie sind fühlende Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, eigenen Ideen und einer bemerkenswerten Bereitschaft, sich auf unser Leben einzulassen.
Ich glaube, wahre Kompetenz im Umgang mit Hunden besteht nicht darin, einem Hund immer mehr beizubringen, ihn zu (ver-)formen und zu verbiegen.
Sie besteht darin, ihm immer weniger abzuverlangen und anzuerkennen, was er jeden Tag für uns tut.
Ein harmonisches Zusammenleben beginnt nicht mit der Frage:
„Wie bringe ich meinem Hund das bei?“
Sondern mit dieser:
„Warum glaube ich eigentlich, dass er das können oder tun muss?“
Und deren ehrlicher Beantwortung.
Text: meiner
Foto: zeigt unseren unverbogenen, freigeistigen Halbdoggl Sultan im Wald, ohne Leine, ohne jemanden zu belästigen - weil er's kann 😉