Inmeditas Institut

Inmeditas Institut INMEDITAS Institut für Integrale Meditation, Achtsamkeit und Selbsterforschung dient der Förderung inmeditas.com

still sein - Genuss oder Herausforderung(aus unserem Archiv, vor über 10 Jahren)Was wenn Schweigen nicht die Abwesenheit...
13/06/2026

still sein - Genuss oder Herausforderung
(aus unserem Archiv, vor über 10 Jahren)

Was wenn Schweigen nicht die Abwesenheit von Kontakt ist – sondern eine Einladung, eine tiefere Dimension von Begegnung zu entdecken:

In diesem kurzen Video sprechen Torsten Brügge und Padma Wolff über das Potenzial von Stille und Schweigen auf Meditations-Retreats.
Warum fällt es vielen Menschen schwer, nicht zu reden? Was geschieht, wenn wir aufhören, uns ständig über Worte auszutauschen? Und welche Form von Nähe und Verbundenheit kann sich zeigen, wenn wir den Mut haben, der Stille wirklich zu begegnen?

Ausgehend von ihren Erfahrungen in zahlreichen Retreats beleuchten Torsten und Padma die Herausforderungen, aber auch die besondere Schönheit des Schweigens. Sie sprechen über die Angst davor, über die Freiheit, nicht immer „nett“ oder angepasst sein zu müssen, und über die Möglichkeit, hinter den gewohnten Geschichten von „Ich“ und „Du“ eine tiefere Form von Verbundenheit zu entdecken.

Das Video enthält außerdem atmosphärische Eindrücke eines Meditations-Retreats auf der Nordseeinsel Amrum aus dem Jahr 2015 - vor über 10 Jahren ;-)

Schau dir gerne Infos zu unserem aktuellen Amrum-Retreat an:
https://www.inmeditas.com/amrum-retreat/

https://youtu.be/GYsiazqnI1k

Was wenn Schweigen nicht die Abwesenheit von Kontakt ist – sondern ...

Das Geheimnis der inneren Weite- Raumerleben als Tor zum Zeugenbewusstseinmit praktischer ÜbungsanleitungViele spirituel...
12/06/2026

Das Geheimnis der inneren Weite
- Raumerleben als Tor zum Zeugenbewusstsein
mit praktischer Übungsanleitung

Viele spirituelle Traditionen berichten von einer erstaunlichen Erfahrung. Menschen erleben sich plötzlich nicht mehr als begrenzte Person, die in einer Welt voller Herausforderungen um Glück, Sicherheit oder Anerkennung ringt. Stattdessen öffnet sich eine Wahrnehmung von Weite, Grenzenlosigkeit und tiefer Verbundenheit. Mystiker sprechen von leerer Wachheit, von stillem Gewahrsein, von Einssein oder von einem Bewusstsein, das über alle begrenzten Formen hinausreicht.

Solche Berichte finden sich in den Weisheitstraditionen der Menschheit seit Jahrtausenden. Obwohl die Beschreibungen unterschiedlich ausfallen, weisen sie oft auf dieselbe Erfahrung hin: Hinter dem wechselnden Strom von Gedanken, Gefühlen und Sinneseindrücken scheint eine offene und unveränderliche Dimension des Bewusstseins erfahrbar zu werden. Eine Dimension, die nicht von den Inhalten des Erlebens abhängig ist und dennoch allem Erleben zugrunde liegt.

Für viele Menschen wirken solche Aussagen zunächst abstrakt oder geheimnisvoll. Doch möglicherweise verbirgt sich dahinter etwas, das uns viel näher ist, als wir vermuten.

Einen überraschenden Zugang eröffnet die Erforschung unseres Raumerlebens.

Der Hypnosystemiker Gunther Schmidt beschreibt menschliches Erleben als ein Zusammenspiel verschiedener Musterelemente. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, innere Bilder, Aufmerksamkeitsprozesse und viele weitere Faktoren wirken dabei ständig zusammen und erzeugen unsere subjektive Wirklichkeit. Zu diesen Musterelementen gehört auch etwas, das meist kaum beachtet wird: unser Erleben von Raum.

Tatsächlich besitzt nahezu jede Erfahrung eine räumliche Dimension. Gedanken erscheinen für viele Menschen an bestimmten Orten im inneren Erlebensraum. Gefühle werden oft als eng oder weit, nah oder fern erlebt. Erinnerungen scheinen manchmal hinter uns zu liegen, Zukunftsvorstellungen eher vor uns. Selbst unser persönliches Ich-Gefühl besitzt häufig eine räumliche Verortung.

Das Erstaunliche dabei: Verändert sich das Raumerleben, verändert sich oft das gesamte Erlebensmuster.

Was zuvor bedrängend und eng erschien, kann sich öffnen. Probleme wirken weniger überwältigend. Gefühle bekommen Raum. Neue Perspektiven werden zugänglich.

Vielleicht liegt genau hier eine Brücke zwischen moderner Psychologie und den Berichten spiritueller Traditionen. Denn die mystische Erfahrung von Weite könnte zumindest teilweise über eine Veränderung unseres gewohnten Raumerlebens zugänglich werden. Statt unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf Gedanken, Gefühle oder Probleme zu richten, beginnen wir den Raum wahrzunehmen, in dem all dies erscheint.

Die folgende Übung lädt dazu ein, dies nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern unmittelbar zu erforschen. Sie führt schrittweise von der Wahrnehmung einzelner Bewusstseinsinhalte zu jener offenen Weite, die von vielen Menschen als Zeugenbewusstsein, Gewahrsein oder reine Bewusstheit beschrieben wird.

*** Bewusstseinsexperiment: Das Zeugenbewusstsein als Raumerleben erschließen

Wir können der Frage „Wer oder was bin ich?“ auf verschiedene Weise nachgehen. Die folgende Variante nutzt die Fähigkeit, unserem sinnlichen Raumerleben nachzuspüren.

Beobachte zunächst für einige Atemzüge deinen denkenden Geist. Du kannst auch bewusst einen Gedanken hervorrufen. Schon der Gedanke „Ich suche nach einem Gedanken“ genügt.

Frage dich nun: Wo findet dieses Denken eigentlich statt?

An welchem Ort in deinem Erlebensraum würdest du es verorten? Im Kopf? Um den Kopf herum? Eher links oder rechts? Eher vorne oder hinten? Wie groß erscheint der Bereich des Denkens? Klein wie ein Tischtennisball, groß wie ein Handball oder vielleicht ganz anders?

Nun richte deine Aufmerksamkeit auf den Bereich, von dem aus du dieses Denken wahrnimmst.

Wir sagen gewöhnlich: „Ich nehme meine Gedanken wahr.“ Wenn das so ist, scheint das wahrnehmende Ich etwas anderes zu sein als die Gedanken selbst. Wo befindet sich dieses wahrnehmende Ich gerade jetzt?

Spüre nach. Wo zeigt es sich? Eher vorne oder hinten? Links oder rechts? Hoch oder tief? Wie groß erscheint es? Vielleicht entsteht zunächst nur eine vage Ahnung. Das genügt vollkommen.

Du kannst auch durch Vergleich prüfen. Würde es sich stimmig anfühlen zu sagen: „Mein Ich befindet sich in meinem linken Fuß und nimmt von dort aus die Gedanken wahr“? Vermutlich eher nicht. Dann forsche weiter. Viele Menschen erleben ihr Beobachter-Ich irgendwo hinten oben im Kopfbereich, manchmal leicht außerhalb des Körpers. Andere erleben es ganz anders.

Nimm einfach wahr, wie es sich für dich zeigt.

Nun folgt der eigentliche Kern des Experiments.

Werde dir noch einmal des Denkbereichs und des Ich-Bereichs bewusst. Frage dich dann:

In welchem Raum erscheinen eigentlich beide?

In welchem Bewusstseinsraum tauchen sowohl die Gedanken als auch das wahrnehmende Ich auf?

Vielleicht fühlt es sich an, als würdest du einen inneren Raumfühler sanft in alle Richtungen ausstrecken und die Weite um dich herum erkunden. Vielleicht bemerkst du plötzlich, dass sowohl der Denkraum als auch der Ich-Raum in einer noch umfassenderen Offenheit erscheinen.

Manchmal geschieht diese Wahrnehmung allmählich. Manchmal ganz überraschend.

Vielleicht zeigt sich eine stille Weite, die nicht begrenzt werden kann. Eine Offenheit, die bereits da war, bevor Gedanken auftauchten, und die bleibt, wenn Gedanken wieder verschwinden.

In dieser Weite verliert das gewohnte Ich-Gefühl oft etwas von seiner Festigkeit. Es darf sich entspannen. Es muss nichts mehr festhalten. Nichts verteidigen. Nichts erreichen.

Worte reichen kaum aus, um diese Erfahrung zu beschreiben. Denn jedes Wort erscheint bereits innerhalb des Denkraumes. Die Weite selbst bleibt unaussprechlich.

Erlaube dir deshalb, für einige Augenblicke einfach als diese Offenheit zu verweilen.

Viele Menschen erleben dabei Frieden, Freude oder eine tiefe Form von Erfüllung. Der Raum selbst braucht nichts. Er verlangt nichts und wehrt nichts ab. Alles darf in ihm erscheinen und wieder vergehen.

Vielleicht wird spürbar, dass diese Weite unversehrt bleibt, unabhängig davon, welche Gedanken, Gefühle oder Ereignisse sich in ihr bewegen.

Gerade darin liegt ihre befreiende Kraft.

Du kannst dieses Experiment auch auf Gefühle oder Körperempfindungen anwenden. Wo erscheint Angst? Wo erscheint Freude? Wo erscheint eine körperliche Empfindung? Und in welchem größeren Raum taucht all dies auf?

Je deutlicher sich diese Raumbewusstheit erschließt, desto leichter wird erfahrbar, dass unser persönliches Erleben ebenso wie die Herausforderungen unserer Zeit in etwas Größerem gehalten sind.

In dieser Weite hat alles Platz.

Und vielleicht entdecken wir gerade darin eine Freiheit, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist – eine Freiheit, die nicht gegen das Leben kämpft, sondern ihm Raum gibt.

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Torsten Brügge, Integraler Satsang, Hamburg den 12.06.26

www.inmeditas.com

YouTube Kanal:
https://www.youtube.com/

09/06/2026

Raus aus dem Kopf – mit einem Atemzug

Ein kurzer Meditationsimpuls mit Torsten. Manchmal braucht es nur einen bewussten Atemzug, um aus Grübeln und Sorgen auszusteigen und wieder im gegenwärtigen Moment anzukommen.

Für die ganze Meditation nutze diesen Link:
https://www.youtube.com/watch?v=HpoDFFfOlFI

Erwachen ist nicht genug- warum spirituelles Erwachen ohne psychologische Reife und geistige Weitsicht in neue Illusione...
09/06/2026

Erwachen ist nicht genug
- warum spirituelles Erwachen ohne psychologische Reife und geistige Weitsicht in neue Illusionen führen kann

Es gibt in der spirituellen Szene einen stillen Mythos. Er lautet: Wenn das Erwachen erst einmal geschehen ist, löst sich alles Weitere von selbst. Angst, Konflikte, Machtspiele, Schatten, Verletzungen, Beziehungsdramen – all das werde durch die Erkenntnis des wahren Selbst transzendiert.

Doch die Wirklichkeit einer ganzheitlich gelebten Freiheit ist komplexer. Und menschlicher.

Ja – spirituelles Erwachen ist real. Die großen Weisheitstraditionen sprechen seit Jahrtausenden davon. Der Buddha beschrieb das Erwachen als Befreiung vom Leiden durch das Durchschauen von Anhaftung, Identifikation und der Illusion eines getrennten Selbst. Im buddhistischen Verständnis führt diese Einsicht in das Nicht-Selbst (Anatta) und die Leerheit aller Erscheinungen zum Nirvana – einem Frieden jenseits von Festhalten und Widerstand.

Advaita Vedanta verwendet eine andere Sprache. Hier wird das Erwachen als Erkenntnis des wahren Selbst (Atman) beschrieben, das sich als identisch mit dem absoluten Bewusstsein (Brahman) erweist. Christliche Mystiker wie Meister Eckhart oder Johannes vom Kreuz deuteten auf einen göttlichen Grund hin, der tiefer liegt als jede persönliche Identität. Der Taoismus wiederum sprach vom namenlosen Ursprung aller Dinge.

Lao Tse eröffnet das Tao Te King mit den berühmten Worten:

„Das Tao, das benannt werden kann, ist nicht das ewige Tao.“

Und Meister Eckhart formulierte:

„Gott ist ein namenloses Nichts und ein namenloses Alles.“

Auch im Zen-Buddhismus finden wir immer wieder den Hinweis auf jene ursprüngliche Leere, die zugleich absolute Fülle ist. Ein stilles, unbegrenztes Gewahrsein. Ein namenloses Sein vor aller Identität. Manche Traditionen sprechen hier von Leerheit, andere von wahrem Selbst, wieder andere vom göttlichen Grund oder vom Tao. Die Worte unterscheiden sich. Doch sie alle versuchen auf eine Wirklichkeit hinzuweisen, die sich letztlich jeder begrifflichen Festlegung entzieht.

Viele Menschen erleben heute Einblicke in diese Dimension. Momente, in denen das gewöhnliche Ich-Gefühl wegfällt. Augenblicke tiefer Freiheit, Stille und Grenzenlosigkeit. Ein Erkennen: Das, was wir wirklich sind – oder das, was wir gerade nicht mehr zu sein glauben –, ist nicht die Geschichte unserer Person.

Solche Erfahrungen können zutiefst befreiend sein. Die Gegenwart lebendigen Erwachens beginnt aufzuleuchten. Augenblicklich fällt die leidvolle Identifikation mit dem persönlichen Ich weg. Etwas Grenzenloses wird spürbar – etwas, das tiefer reicht als Denken, Biografie und sämtliche Selbstbilder. Doch genau hier beginnt eine entscheidende Differenzierung, die in vielen modernen Erwachens-Vermittlungen verloren gegangen ist:
WAKE UP ist nicht alles.

*** Die Verwechslung von Erwachen und Reife

Ken Wilber unterscheidet zwischen verschiedenen Entwicklungsaspekten menschlichen Bewusstseins. Dadurch wird sichtbar, dass spirituelles Erwachen nicht automatisch psychologische Reife bedeutet. Jemand kann tiefe nonduale Erfahrungen haben und gleichzeitig emotional unreif bleiben, konfliktscheu agieren, narzisstische Tendenzen entwickeln oder unbewusst in Machtstrukturen verstrickt sein.

Deshalb braucht WAKE UP Ergänzungen.

In einem integralen Verständnis gehören mindestens drei Dimensionen zusammen:

• WAKE UP – das Erwachen zur leidfreien, nondualen Tiefe des Seins
• CLEAN UP – die Integration des menschlichen Schattens und psychologische Reife
• GROW UP – die Entwicklung geistiger Weitsicht und komplexer Reflexionsfähigkeit

Das Erwachen zu transzendenter Tiefe allein genügt nicht. Ebenso wesentlich ist die Schattenintegration – also die bewusste Begegnung mit ins Unbewusste verdrängten Ängsten, Wut, Ohnmacht, Scham oder Machtimpulsen. Erst dadurch kann sich Spiritualität verkörpern und menschlich reifen.

Diese Einsicht verweist zugleich auf einen weiteren blinden Fleck vieler spiritueller Milieus. Ähnlich wie manche politische Bewegungen glauben, gesellschaftlicher Wandel könne allein durch äußere Veränderungen erreicht werden, entsteht in manchen spirituellen Kreisen die Vorstellung, inneres Erwachen mache psychologische Entwicklung oder gesellschaftliches Engagement überflüssig. Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Menschliche Entwicklung vollzieht sich immer zugleich nach innen und nach außen.

Eine reife Perspektive schließt Innen- und Außenwelt nicht gegeneinander aus, sondern erkennt sie als zwei Seiten derselben Wirklichkeit.

*** Die Gefahr spiritueller Dissoziation

Wenn Spiritualität einseitig auf Transzendenz fokussiert ist, entsteht leicht eine subtile Abspaltung vom Menschlichen. Dann wird das Formlose gegen die Form ausgespielt, stille Einkehr gegen Beziehung, reines Bewusstsein gegen Körper und Transzendenz gegen Psychologie.

Die Folge ist nicht Freiheit, sondern Dissoziation.

Spirituelle Erkenntnisse werden dann unbewusst dazu benutzt, ungelöste Themen nicht fühlen zu müssen. Schmerz wird wegmeditiert, Wut mit Sätzen wie „Alles ist Eins“ überdeckt und Angst durch Absolutheitsphilosophien neutralisiert. Was wie spirituelle Reife erscheint, kann in Wirklichkeit eine subtile Form der Vermeidung sein.

Dann entsteht eine Spiritualität, die zwar lichtvoll oder überweltlich aussehen mag, aber den Keller des Menschseins meidet. Eine seichte Wohlfühlspiritualität – manchmal auch zynische Distanziertheit –, die unbewusst menschlichen Schmerz verleugnet und dadurch innerlich erkaltet.

Das wird heute oft als Spiritual Bypassing bezeichnet. Spirituelle Konzepte werden benutzt, um das Allzumenschliche nicht fühlen zu müssen. Doch verdrängte Themen verschwinden nicht. Sie wirken weiter – aus dem Schatten heraus. Und dann meist umso destruktiver.

Aus buddhistischer Sicht wäre eine solche Entwicklung gerade keine Befreiung, sondern eine neue Form subtiler Anhaftung. Nicht die Vermeidung von Schmerz beendet das Leiden, sondern die bewusste und achtsame Begegnung mit dem, was ist. Deshalb lehrte der Buddha den Mittleren Weg – einen Weg zwischen Verdrängung und Verstrickung, zwischen asketischer Selbstverleugnung und unbewusstem Ausagieren. Wirkliche Freiheit entsteht nicht dadurch, dass wir unangenehme Erfahrungen vermeiden, sondern dadurch, dass wir aufhören, gegen sie zu kämpfen.

*** Passivität ist nicht Hingabe

Ein weiteres Missverständnis besteht in der Verwechslung von Hingabe mit Handlungsunfähigkeit.

Natürlich gibt es eine tiefe spirituelle Qualität des Nicht-Erzwingens, der radikalen Akzeptanz und des Mutes zum Nicht-Tun. Das Leben geschieht nicht durch die Kontrolle eines isolierten Ichs. Viele mystische Traditionen weisen darauf hin.

Aber daraus kann eine subtile Passivität entstehen. Ein Rückzug aus Verantwortung. Eine Entwertung weltlichen Handelns. Dann wird aus Hingabe Resignation.

Man hört Sätze wie: „Es geschieht ja ohnehin alles von selbst“, „Es gibt niemanden, der handelt“ oder „Die Welt ist letztlich Illusion.“ Solche Aussagen können aus tiefer Erkenntnis kommen. Sie können aber auch psychologische Schutzmechanismen sein. Denn manchmal verbirgt sich hinter dem spirituellen Nicht-Tun schlicht Angst vor Konflikt, Unsicherheit oder Überforderung.

Die Vorstellung „Mich gibt es nicht, deshalb kann ich auch nichts tun“ entspringt nicht wirklicher Freiheit, sondern einem eingeschränkten Verständnis von Ichlosigkeit.

Echte Hingabe macht nicht lethargisch. Sie macht durchlässig, lebendig und handlungsfähig. Das Tao handelt ohne Ich-Verkrampfung, aus dem Geist des Nicht-Tuns – aber es handelt. Der Buddha zog sich nicht einfach ins formlose Nirvana zurück. Er lehrte jahrzehntelang. Jesus heilte, sprach und konfrontierte Macht. Die großen Mystiker waren selten weltabgewandt; vielmehr gewannen sie aus ihrer inneren Freiheit die Kraft zu einem besonders lebendigen und verantwortlichen Handeln.

Gerade der Buddhismus macht deutlich, dass Erwachen nicht in Passivität mündet. Der Buddha verbrachte nach seinem Erwachen nicht den Rest seines Lebens schweigend unter einem Baum. Fast fünfundvierzig Jahre lang lehrte er, gründete Gemeinschaften, schlichtete Konflikte und begleitete Menschen auf ihrem Weg. Die Erfahrung von Nirvana bedeutete nicht Rückzug aus der Welt, sondern ein Handeln ohne Verstrickung. Nicht Gleichgültigkeit, sondern Mitgefühl wurde zur natürlichen Ausdrucksform seiner Befreiung.

*** Ganz Mensch und ganz Gott

Vielleicht findet sich im Christentum sogar eine der schönsten Formulierungen dieses Paradoxons. In der christlichen Tradition heißt es über Jesus:

„Er war ganz Gott und ganz Mensch.“

Darin steckt eine tiefe spirituelle Wahrheit.

Einerseits verweist sie auf die Dimension bedingungsloser Freiheit – auf jenes göttliche, unbegrenzte Sein, das nicht verletzt werden kann und niemals geboren wurde. Andererseits bleibt das Menschliche vollständig erhalten: Verletzlichkeit, Gefühle, Beziehung, Schmerz, Körperlichkeit und Mitgefühl.

Interessanterweise begegnen uns an dieser Stelle zwei unterschiedliche spirituelle Sprachwelten. Advaita spricht häufig von der Entdeckung unseres wahren Selbst. Der Buddhismus hingegen betont die Einsicht in das Nicht-Selbst und die Leerheit aller Identitäten. Auf den ersten Blick scheinen diese Perspektiven einander zu widersprechen.

In der unmittelbaren Erfahrung vieler Mystiker nähern sie sich jedoch an. Wenn alle Vorstellungen darüber, wer wir sind, zur Ruhe kommen, bleibt etwas zurück, das sich kaum in Worte fassen lässt. Die einen nennen es reines Bewusstsein, andere Leerheit, wieder andere Gott oder Tao. Die Begriffe unterscheiden sich. Die Erfahrung tiefer Freiheit, Verbundenheit und Mitgefühl weist jedoch oft in eine ähnliche Richtung.

Reife Spiritualität versucht nicht, den Menschen zugunsten des Absoluten auszulöschen. Sie erkennt vielmehr beides zugleich an: das Unbedingte und das Bedingte. Die zeitlose Stille des Seins – und die zutiefst menschliche Erfahrung von Angst, Liebe, Verlust und Hoffnung.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Integration: ganz frei und ganz menschlich zugleich.

*** Die Idealisierung des Erwachten

Ein weiteres Problem spiritueller Szenen besteht in der Idealisierung von Erwachen. Erleuchtung wird dann als endgültiger Zustand makelloser Vollkommenheit dargestellt. Der „vollkommen Erwachte“ erscheint unangreifbar, konfliktfrei und jenseits aller menschlichen Begrenzungen.

Das erzeugt gefährliche Dynamiken.

Denn sobald Menschen glauben, sie selbst, andere oder ihre Tradition seien „über das Menschliche hinaus“, entstehen blinde Flecken. Kritik wird tabuisiert. Machtmissbrauch bleibt unbemerkt. Schatten werden abgespalten.

In spirituellen Gemeinschaften kann das massive Folgen haben. Nicht selten finden sich hinter den Worten weiser Lehrer ungelöste Themen wie Narzissmus, emotionale Abhängigkeit, sexuelle Grenzverletzungen, Manipulation, Überlegenheitsgefühle oder unbewusste Traumadynamiken.

Gerade deshalb ist CLEAN UP so essenziell.

Denn Erwachen beendet nicht automatisch die Geschichte des Nervensystems und die Prägungen von Trauma. Alte Muster bleiben zunächst bestehen. Das erste Erwachen bedeutet noch nicht, dass von nun an ein vollkommen befreites Leben geführt wird. Vielmehr beginnt oft erst danach die eigentliche Vertiefung – die Begegnung mit jenen Schattenanteilen, die bislang im Verborgenen lagen.

Spirituelles Licht ersetzt die Ausleuchtung des Schattens nicht. Oft macht es verdrängte Schattenanteile überhaupt erst sichtbar.

Auch der Buddhismus warnt vor dieser Verwechslung. Erwachen bedeutet nicht, zu einer perfekten Person zu werden. Selbst hoch verwirklichte Menschen bleiben Menschen. Deshalb betont die buddhistische Tradition neben Weisheit stets die Kultivierung von Ethik, Achtsamkeit und Mitgefühl. Befreiung zeigt sich nicht nur in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, sondern darin, wie wir mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit den Herausforderungen des Lebens umgehen.

*** Das Menschliche heilen statt es zu überwinden

Eine reife Spiritualität schließt das Menschliche nicht aus – sie durchdringt es. Sie erkennt das Formlose und umarmt zugleich die Form.

Schattenintegration schenkt uns die Weitherzigkeit, unser Menschsein einschließlich unserer Unzulänglichkeiten anzunehmen. Genau darin kann eine neue spirituelle Reife entstehen. Nicht in der Flucht aus dem Menschlichen, sondern in seiner bewussten Durchdringung.

Das ist vielleicht die eigentliche Transformation. Nicht perfekt zu werden. Nicht unangreifbar zu werden. Nicht „über den Menschen hinauszuwachsen“. Sondern immer vollständiger Mensch zu werden – mit offenem Herzen, mit Bewusstheit, mit Verantwortung und mit Tiefe.

Eine Spiritualität der Zukunft wird deshalb nicht nur transzendieren. Sie wird integrieren. Sie wird das namenlose Absolute ehren und zugleich die Wunden des Menschlichen ernst nehmen. Sie wird die Weisheit des Buddha mit der Tiefenschau der Advaita-Tradition, die Herzenskraft christlicher Mystik und die Natürlichkeit des Tao verbinden. Sie wird Stille und Handeln zusammenführen, Zurückgezogenheit genießen und Beziehung leben, Leere und Liebe verbinden sowie Erwachen durch Schattenarbeit und Reifung verkörpern.

Vielleicht entsteht erst daraus eine wirklich integrale Bewusstseinskultur.

Nicht weltflüchtig.
Nicht aktivistisch-verkrampft.
Nicht spirituell-abgehoben.

Sondern radikal menschlich und zugleich offen für das Grenzenlose, das wir alle bereits sind – oder, wie der Buddhismus sagen würde, für jene Leerheit, in der niemand getrennt und nichts ausgeschlossen ist.

Torsten Brügge, Integraler Satsang, Hamburg den 07.06.26

www.inmeditas.com

Dich aus überaktivem Denken lösen durch Atemachtsamkeit - Mini-Meditations-ImpulsViele Menschen kennen das: Die Gedanken...
07/06/2026

Dich aus überaktivem Denken lösen durch Atemachtsamkeit - Mini-Meditations-Impuls

Viele Menschen kennen das: Die Gedanken drehen sich im Kreis, Sorgen übernehmen die Regie, und obwohl man eigentlich weiß, dass mehr Nachdenken keine Lösung bringt, kommt man aus dem Grübeln nicht heraus.

In diesem Video zeigt Torsten, wie Atemachtsamkeit helfen kann, die Aufmerksamkeit aus dem Gedankenkarussell zurück in die unmittelbare Erfahrung des Augenblicks zu bringen.

Dabei stellt er zwei einfache Hilfsmittel vor, die besonders in stressigen Momenten dabei unterstützen können, wieder bei sich selbst anzukommen.

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Viele Menschen kennen das: Die Gedanken drehen sich im Kreis, Sorge...

"Wer bin ich?" – Ramanas radikale Erwachens-FrageIn diesem Gespräch tauchen wir gemeinsam in eine der radikalsten Fragen...
30/05/2026

"Wer bin ich?" – Ramanas radikale Erwachens-Frage

In diesem Gespräch tauchen wir gemeinsam in eine der radikalsten Fragen spiritueller Selbsterforschung ein:
„Wer bin ich wirklich?“

Inspiriert von dem indischen Weisheitslehrer Sri Ramana Maharshi spricht Torsten über die Praxis der Selbsterforschung („Self Inquiry“) – nicht als rein intellektuelle Übung, sondern als lebendige Einladung, die Aufmerksamkeit nach innen zu wenden.

Wer nimmt Gedanken wahr?
Wer erlebt Gefühle?
Wer oder was ist die Ich-Instanz, die ständig sagt:
„Ich bin traurig“, „ich bin gestresst“, „ich bin dies oder jenes“?

Torsten erzählt von seiner eigenen intensiven inneren Erforschung dieser Frage – und davon, wie sie sich fast wie ein „Virus“ in seinem Bewusstsein ausbreitete: immer wieder zurückführend in eine stille, weite Präsenz jenseits der gewohnten Ich-Geschichte. Hin zu einem leidfreien Gewahrsein, in dem Zeit, Raum und das gewöhnliche Gefühl von Getrenntheit in den Hintergrund treten und als letztlich illusionär erkannt werden.

Das Gespräch zwischen Daniel und Torsten beleuchtet aber auch, warum spirituelles Erwachen allein oft nicht genügt. Warum Schattenintegration, emotionale Reifung und psychologische Entwicklung wichtige Bestandteile eines ganzheitlichen Befreiungsweges sind. Und weshalb echte Spiritualität sowohl transzendente Freiheit als auch authentisches Menschsein umfasst.

Ein Gespräch über:

• Ramana Maharshis Erwachensweg
• die Frage „Wer bin ich?“ als meditative Praxis
• das Erleben von Leere, Stille und formlosem Bewusstsein
• Wake Up, Grow Up & Clean Up als integrale Dimensionen
• spirituelle Flucht vs. Integration
• Wut, Persönlichkeit und Schattenarbeit
• nonduales Bewusstsein im Alltag

Wenn dich eine Spiritualität interessiert, die direkte Erfahrung, psychologische Tiefe und Alltagsintegration verbindet, freuen wir uns, wenn du den Kanal abonnierst.

Padma und Torsten sind Begründer des INMEDITAS – Institut für integrale Meditation, Achtsamkeit und Selbsterforschung und Entwickler der Integralen Tiefenspiritualität

Gefallen Dir solche Inhalte, dann abboniere gerne unseren YouTube-Channal:
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https://www.youtube.com/watch?v=ezkQztRsDsk

In diesem Gespräch tauchen wir gemeinsam in eine der radikalsten Fr...

Wie ein/e Erwachte/r lebt – und warum es darauf keine einfache Antwort gibt- Interview mit Padma und Torsten auf dem Onl...
25/05/2026

Wie ein/e Erwachte/r lebt – und warum es darauf keine einfache Antwort gibt
- Interview mit Padma und Torsten auf dem Online-Kongress "Erleuchtung erleben"

Beschreibung von Alima:

Padma und Torsten erzählen anschaulich und praktisch, wie das Leben sich nach dem Erwachen verändert und zeigen gleichzeitig auf, dass es dabei nicht darum geht, neue Konzepte zu entwickeln. Erwachen ist nicht etwas, das geschieht und dann für immer bleibt, es ist ein fortwährendes immer tiefer hinein Wachsen. Zum Glück, sagen die beiden, denn das ist ja gerade das Lebendige und Spannende daran! Sie sprechen darüber, was leichter wird nach dem Erkennen, welche praktischen Tools helfen können, die Verbindung zum Absoluten zu vertiefen bzw. zurückzuerlangen und wie der von ihnen entwickelte FREE Prozess dich dabei auf geniale Weise unterstützt.

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Ausstrahlung des Interviews mit Padma und Torsten:

27.05.26 um 16:00 Uhr

Die Anmeldung zum Kongress ist kostenlos

ÜBRIGENS: Wenn Du Dich über den Link unten anmeldest und später ein (recht kostengünstiges) Kongresspaket kaufst, unterstützt Du damit auch unsere Arbeit. Danke!

https://alima.tv/erleuchtungerleben?aff=bodhisat

Innere Freiheit zeigt sich von allein, wenn wir uns unserer psychischen Kernmuster bewusst werdenund sich dadurch ein Pr...
20/05/2026

Innere Freiheit zeigt sich von allein,
wenn wir uns unserer psychischen Kernmuster bewusst werden
und sich dadurch ein Prozess heilsamer Transformation einleitet.

Eine Stimme zu Enneagramm-Kursen mit Padma von Silvia:

"Das erste Enneagramm Seminar habe ich vor zehn Jahren bei Padma gemacht und es war und ist nach wie vor einer der wichtigsten Bausteine in meiner persönlichen Weiterentwicklung.

Ich bin an den unterschiedlichsten Richtungen und Facetten der Persönlichkeitsentwicklung interessiert und finde, das Enneagramm ist einfach ganz großes Kino.

Nun wiederhole ich den Kurs und habe das Gefühl, es ist genau der richtige Zeitpunkt, um erneut und vertieft mit Padma in Reflexion und Erfahrung einzusteigen. Bestimmt gibt es wieder viel Neues zu entdecken und zu erforschen, um anschließend mit noch mehr innerer Freiheit meinen Automatismen zu begegnen. Darauf freue ich mich schon."

Silvia Schey, systemische Trainerin, transaktionsanalytische Beraterin mit fachbereichsübergreifender Berufserfahrung

nächste Enneagramm-Kurse am Bodensee & Onlinge starten bald:
https://www.inmeditas.com/termine-enneagrammkurse/

Adresse

Marthastraße 50 (Anbau Hinterm Haus)
Hamburg
20259

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