28/04/2026
Ich stoße in Beiträgen und Foren immer wieder auf Bezugnahmen zu einzelnen Studien.
Auch Patienten in meiner Praxis fangen gerne an mit „Ich habe da von einer Studie gehört…“.
Da hier viel falsches Wissen entsteht und somit Behauptungen zu falschen Entscheidungen führen können, möchte ich etwas grundsätzlich dazu sagen.
Warum man medizinische Studien nicht nur nach der Zusammenfassung beurteilen sollte – und warum wenige oder sogar nur eine einzelne Studie keine verlässliche Evidenz liefern?
Immer wieder liest man Schlagzeilen wie „Studie beweist: Kaffee verlängert das Leben“ oder „Neue Studie: Dieses Vitamin schützt vor Krebs“oder „Nahrungsergänzungsmittel sind unnötig“ und auch „Vitamin C schadet der Chemotherapie“. Klingt natürlich interessant und eventuell überzeugend – doch oft steckt hinter solchen Aussagen Unsicherheit und oft nur eine erste Vermutung oder gar veraltetes Wissen. Insbesondere, wenn sich die Behauptung nur auf eine einzelne Studie oder deren Zusammenfassung oder gar nur auf eine Anwendungsbeobachtung oder noch schlimmer auf „hören sagen“ stützt.
1. Die Zusammenfassung ist nur ein grober Überblick
In medizinischen Fachartikeln gibt es stets am Anfang eine kurze Zusammenfassung („Abstract“). Sie enthält die zentralen Ergebnisse – aber nicht, wie diese zustande kamen.
Daher bleiben an dieser Stelle sehr wichtige Fragen offen:
Wie viele Patient:innen wurden eingeschlossen und untersucht?
Wie viele Teilnehmer wurden während der Studie ausgeschlossen? Warum?
Gab es eine Vergleichsgruppe (z. B. mit Placebo)?
Wie wurde gemessen, was „wirkt“ oder „nicht wirkt“?
Wer hat die Studie womöglich per Sponsoring unterstützt?
Ohne diese und weitere Details ist es schwer bis unmöglich zu beurteilen, ob die Ergebnisse wirklich zuverlässig sind – oder vielleicht Zufall.
2. Nicht jede Studie ist gleich gut gemacht
Eine medizinische Studie kann klein, schlecht geplant für das Thema oder ungenau sein. Vielleicht wurden nur 2 Personen untersucht, oder es fehlte die Kontrollgruppe. Eventuell wurden Ergebnisse „schöngerechnet“. Solche Studien können irreführen – auch wenn ihre Zusammenfassung erst einmal gut klingt. Zu bedenken ist, dass nur weil etwas veröffentlicht wurde, es allerdings noch lange nicht gute Wissenschaft ist. In der Tat lässt sich auch absoluter Blödsinn veröffentlichen. Sogar bewusst gefälschte Studien sind heutzutage im Umlauf.
3. Eine Studie ist noch lange keine medizinische Wahrheit
In der Medizin gilt zudem: Eine einzelne Studie ist nie genug, um Therapien zu empfehlen, davon abzuraten oder Risiken sicher zu beurteilen. Erst wenn mehrere hochwertige Studien ähnliche Ergebnisse zeigen – idealerweise in sogenannten systematischen Übersichtsarbeiten (Review) oder Metaanalysen zusammengefasst – kann man von einer belastbaren Evidenz sprechen. Eine einzelne Studie hat also minimales Gewicht; sie ist eher ein Hinweis als ein verlässliches Instrument und für den Einzelnen im engeren Sinn nicht von Belang.
4. Statistisch signifikant heißt nicht automatisch medizinisch relevant
In Studien liest man auch oft, das Ergebnis sei „statistisch signifikant“. Das heißt: Es ist auffällig und wahrscheinlich kein Zufall. Aber: Das Ergebnis kann trotzdem winzig und therapeutisch unbedeutend sein. Dazu ein Beispiel: Ein Medikament senkt den Blutdruck – aber nur um 1 mmHg. Klingt gut, ist statistisch signifikant, bringt aber in der Praxis eigentlich nichts. Gerade diese Feinheiten werden in Zusammenfassungen nur in den seltensten Fällen aufgeführt.
Fazit: Medizinische Studien sind wichtig – aber oft schwer zu beurteilen
Oft werden einzelne Effekte aufgeführt ohne weitere Zusammenhänge zu betrachten. Gerade in der Tumorbehandlung muss jedoch hochindividuell gedacht werden. Die Schubladenmedizin ist eher nicht von Vorteil. Mittlerweile gibt es Fortschritte in der Individualmedizin, doch stehen wir hier alle quasi noch am Anfang. Trotzdem kann man als Behandler durchaus auch heute individuelle Komponenten einbauen; wenn man denn will! Evidenz ist etwas sehr Nützliches; jedoch lohnt es auch, den eigenen Kopf und das Bauchgefühl zu befragen. Hinterfragen Sie Begründungen, Vorschläge oder Entscheidungen Ihres Behandlers. Denn es ist Ihre Erkrankung und Sie tragen die Konsequenzen der Entscheidungen, nicht der Behandler.
Trotz aller Evidenz, müssen trotzdem oft Zugeständnisse gemacht werden. Gerade im Fall unkonventioneller, komplementärer Behandlung kann es nicht immer eine ausreichende Evidenz geben. Insbesondere die Naturheilkunde, welche sich deutlich individueller mit dem Individuum Mensch beschäftigt, kann Schubladendenken und Evidenz aus ganz offensichtlichen Gründen nicht immer als Beweis anführen.