04/07/2026
Langsam haben wir uns als Gesellschaft mit dem Thema Trauer ausgesöhnt. Als Elisabeth Kübler Ross 1969 ihr Buch „Interviews mit Sterbenden“ veröffentlichte, begann sich der gesellschaftliche Umgang mit Tod und Trauer grundlegend zu verändern.
Man sprach offener über Sterben und Verlust, Löcher, die sich dadurch auftun, und Rucksäcke, die Trauernde imaginär mit sich herumschleppen. Trauer bekam einen Platz in der Gesellschaft.
Dann gibt es da ein anderes Gefühl, vollkommen im Schatten. Keiner will es sich anschauen. Es ist die Scham. Die Scham, die so schwer wiegt, so zäh in unsere Knochen kriecht. Kaum auszuhalten ist sie. Ein guter Grund, sie zu verdammen. Mit aller Kraft unterdrücken wir sie, auch wenn uns das unsere Lebendigkeit sowie die körperliche und seelische Gesundheit kostet.
Doch Gefühle verschwinden nicht einfach, wenn wir sie unterdrücken. Sie finden immer einen Weg, sich auszudrücken.
Anhaltender Stress, innere Anspannung, Muskelverspannungen, Erschöpfung oder das Gefühl, ständig „auf der Hut“ zu sein, können damit zusammenhängen. Scham lässt unser Nervensystem in Alarmbereitschaft gehen, besonders dann, wenn sie über lange Zeit verdrängt oder immer wieder durch Beschämung geschürt wird.
Scham bedeutet nicht: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Scham sagt: „Mit mir stimmt etwas grundsätzlich nicht.“ Und genau deshalb trifft sie uns so tief.
Heilung lieg nicht darin, Scham loszuwerden, sondern sie wahrzunehmen, ihr mit Mitgefühl zu begegnen und sie mit einem Menschen zu teilen, dem wir vertrauen. Die Scham auszuhalten und zu sagen: „Mehr war gerade nicht drin. Ich werde daraus lernen.“
Wenn wir zu einem Kind sagen: „Du musst dich nicht schämen!“, ist das vielleicht ungünstig. Wir könnten stattdessen sagen: „Jetzt schämst du dich vielleicht. Aber das ist in Ordnung. Ich schäme mich auch oft. Was würdest du beim nächsten Mal gerne anders machen?“ Wer sich seiner Scham bewusst ist, trägt erhobenen Hauptes Verantwortung für seine Taten. Wer seine Scham zulässt, kann sich entschuldigen und geradestehen.
Scham ist dazu da, Grenzen zu wahren. Sie kann verhindern, dass wir andere verletzen oder Beziehungen unnötig belasten.
Was denkst du?