30/06/2026
🧭 Der „6. Sinn“: Proprizeption bei Autismus
Hast du schon mal vom sechsten Sinn gehört? Die Proprizeption (auch Tiefensensibilität genannt) ist wie das unsichtbare Wurzelsystem unseres Körpers. 🌲 Sie liefert dem Gehirn pausenlos Informationen über die Position und Bewegung unseres Körpers und der Gliedmassen im Raum.
🧠 Wie funktioniert das genau?
In unseren Muskeln, Sehnen und Gelenken sitzen spezialisierte Rezeptoren – die sogenannten Propriozeptoren. Diese registrieren permanent Dehnung, Druck sowie Spannung und senden diese Signale direkt an das zentrale Nervensystem.
Dadurch wissen wir zu jedem Zeitpunkt ganz genau, wo unsere Arme und Beine sind, ohne sie ansehen zu müssen. 👁️
🎯 Unverzichtbar für den Alltag
Die Proprizeption ist der Schlüssel für unsere motorische Planung, Koordination und das Erlernen neuer Bewegungsabläufe.
Sie ermöglicht uns:
Präzise Bewegungen auszuführen.
Das Gleichgewicht mühelos zu halten.
Die Körperhaltung automatisch anzupassen.
Die nötige Kraft für eine Handlung richtig einzuschätzen.
Ein klares Beispiel aus dem Alltag:
Dank der Proprizeption kann ein Kind instinktiv einschätzen, wie viel Kraft es braucht, um einen Bleistift zu halten, ohne die Mine zu zerbrechen ✏️, oder wie weit und fest es einen Ball werfen muss, damit er genau bei einem Freund ankommt. 🏀
🔍 Besonderheiten im Autismus-Spektrum
Bei autistischen Kindern und Erwachsenen verarbeitet das Nervensystem diese Signale oft anders. Das zeigt sich meist auf zwei Arten:
Die Suche nach Input (Hypo-Responsivität): Wenn das Gehirn zu wenig Rückmeldung vom Körper bekommt, fehlt das Gefühl für das eigene Körperschema. 🧩 Um sich selbst im Raum zu spüren und zu regulieren, suchen viele Betroffene aktiv intensiven Input: durch festes Drücken, Hüpfen, das Fallenlassen in Kissen, Kauen oder feste Umarmungen. Das wirkt tief beruhigend.
Herausforderungen bei Kraft und Koordination: Manchmal wirkt das Verhalten im Alltag „ungeschickt“. Eine Tür wird viel zu fest zugeschlagen oder ein Glas zu locker gegriffen. Auch die motorische Planung (z. B. beim Anziehen oder Essen) erfordert dann enorm viel bewusste Energie.
🌿 Stimming und Regulation
Auch repetitive Bewegungen (Stimming) sind oft kein Zufall. Sie helfen dem Nervensystem, sich durch propriozeptiven Input selbst zu organisieren und Reizüberflutungen abzuwehren. 🧠✨
Was im Alltag hilft:
Gezielte Angebote wie Arbeiten mit Widerstand, Sport, schwere Gegenstände tragen oder tiefer Druck können die sensorische Verarbeitung wunderbar unterstützen und den Fokus stärken.
📖 Quelle: „Autismus von A–Z. Kompaktlexikon für Eltern und Pädagogen“ von Jonas Bergmann.