07/01/2026
Die Sage von der Abschiedshüterin
So hört, ihr Kinder des Nebels und tretet einen Schritt näher an das leise Feuer der Erinnerung. Ich, Merlin, will euch von einer Sage künden, die nicht mit Schwertern und Blut geschrieben wurde und deren Wahrheit nur jene erkennen, die schon einmal loslassen mussten.
Es gibt einen Augenblick zwischen dem letzten Blick und dem ersten Schweigen. Zwischen dem „Bleib“ im Herzen und dem „Geh“ im Schicksal.
Dort, Kinder des Nebels, wacht eine Gestalt, von der kaum noch gesprochen wird. Man nennt sie die Abschiedshüterin. Sie wandelt nicht in der Stunde des Todes und sie ruft keine Seelen fort. Ihre Schritte sind leiser als Trauer, und ihr Erscheinen ist sanfter als Trost.
Sie kommt zu jenen, die jemanden verlieren, der noch atmet. Zu denen, deren Wege sich trennen, deren Hände sich lösen, deren Zukunft plötzlich leer klingt.
Wenn sie erscheint, trägt sie ein Gewand aus grauem Licht und in ihren Händen hält sie ein Tuch, gewoben aus Nebel und Morgenstille.
Dieses Tuch legt sie nicht über die Augen,
sondern über das Herz.
Denn, Kinder des Nebels, der Schmerz soll nicht verschwinden. Er soll verwandelt werden.
Die Alten wussten:
„Was man wegdrückt, bleibt.
Was man würdigt, darf gehen.“
So bleibt die Abschiedshüterin einen Atemzug lang,manchmal auch nur einen Herzschlag.
Und wer ihr begegnet, weint oft ohne zu wissen warum. Doch wenn die Tränen versiegen,
ist der Schmerz nicht mehr scharf wie ein Messer, sondern rund wie ein Stein, den man tragen kann, ohne sich daran zu schneiden.
Man sagte früher, dass dort, wo ein Abschied ohne Bitterkeit geschieht, am nächsten Morgen der Tau schwer auf dem Gras liegt. Das sei ihr Zeichen gewesen. Und man lehrte die Kinder:
„Wer den Abschied ehrt, verliert nicht, er lässt frei.“
So wandert die Abschiedshüterin weiter,
ungesehen von vielen, doch wirksam für jene,
die bereit sind, den Nebel nicht zu fürchten,
sondern ihn zu durchschreiten.
Behaltet diese Sage in euren Herzen, ihr Kinder des Nebels. Denn Abschiede kommen zu jedem, doch nicht jeder lernt, wie man sie würdevoll gehen lässt.
Und nun, lasst den Nebel ruhen.
Mögen die Gottheiten stets über euch wachen!