30/05/2026
Es ist eine Form der Verzweiflung, wenn jemand den anderen nicht als zugleich liebenswert und belastend wahrnehmen kann, sondern entweder das Gute idealisiert oder das Schlimme dämonisiert, den anderen also nur in Schwarz-Weiß sieht.
Sehr kleine Kinder erleben die Mutter, die Nahrung und Liebe spendet, als die gute Mutter, und die abwesende oder versagende Mutter als die böse Mutter – als wären es zwei verschiedene Wesen. Es ist eine wichtige Wachstumsaufgabe, diese beiden Wesen zu integrieren und zu realisieren, dass die Mama beides ist: gut – und manchmal ist es schlimm, dass sie nicht da ist, dass sie mich nicht hört oder meine Bedürfnisse nicht erfüllt.
Die Integration dieser beiden Seiten fördert Toleranz gegenüber Ambivalenzen. Ist jemand ambivalenzintolerant, möchte man eher sagen: Der Mensch ist verzweifelt, als dass er sich verzweifelt fühlt. Der Mensch ver-zwei-felt am anderen, den er wie zwei erlebt, und kann nicht fassen, dass das, was man liebt, sich zugleich als so böse zeigt.
Eine weitere Form der Verzweiflung bezieht sich auf mich selbst, auf ein Verzweifeltsein mit mir selbst. Ich entdecke an mir oder an meinem Leben etwas Unerträgliches – zum Beispiel, dass ich mein Potenzial nicht entfalte, weil ich mich nicht traue, auf mich selbst zu hören.
So sind zwei Wahrheiten in mir: Die eine ist, mich schützen zu wollen und mich deshalb eher nach anderen als nach mir selbst zu richten. Die andere ist, mich aber auch entfalten zu wollen. Wenn ich auf diese Weise an eine Grenze bei mir selbst stoße und erschüttert über mich bin, ohne bereits einen Ausweg zu sehen, ist es heilsam, diese Verzweiflung, diese zwei Seelen, die in meiner Brust schlagen, wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben.
Alle Gefühle, die auftauchen, dürfen gefühlt und nicht mit schnellen Plänen oder neuen Vorsätzen verdrängt werden. Wenn es mir gelingt, diese Verzweiflung über mich selbst zuzulassen, erkenne ich den existenziellen Irrtum, dem ich aufsitze – zum Beispiel den Glauben, ich müsse mich nach anderen richten, um einen Platz in der Gemeinschaft zu bekommen.