09/07/2026
Der Beitrag ist zwar schon vom letzten Jahr, aber gerade wieder aktueller, denn je :D Mein ADHS hat keine Wassermelone getragen ...
Ich wende mich heute mit einem sehr ernsten Thema an euch: Wassermelonen! Oder vielmehr, Wassermelonen zubereiten! Das ist kein Scherz, und ich weiß, dass andere Leute auch wichtige Themen haben, aber wenn mich jemand versteht, dann ihr!
Mein Grundsatzproblem ist: Weder mag ich die Kerne, noch vertrage ich sie aufgrund meines Gesundheitszustandes. Mitessen als Vorschlag ist also keine Option. Nein, auch nicht die kleinen weißen! Nicht mal die durchsichtigen!
Wassermelonen sind wahrlich kein besonders ADHS-freundliches Gewächs. Ich trage mich erstmal einige Tage mit dem Gedanken, unbedingt Wassermelone essen zu wollen. Gleichzeitig scheue ich den Aufwand wie die Wand. Das ist klassische Aufschieberitis, weil schon beim Gedanken an den späteren Aufwand das Belohnungssystem abschaltet. Vorher recherchiere ich zum gefühlt hundertsten Mal, wie ich eine besonders gute Wassermelone erkenne und wie ich sicherstellen kann, dass sie möglichst kernarm ist. Entscheidungslähmung inklusive. In etwa einem Viertel der Fälle habe ich tatsächlich Glück und sie schmeckt mir. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Melone dann allerdings auch noch kernarm ist, ist relativ gering. Und wenn nicht, lande ich direkt in einer Reizüberflutung, weil ich beim Schneiden versuche, jeden Kern akribisch zu entfernen.
Zusätzlich habe ich bestimmt schon hundertmal recherchiert, ob es nicht irgendwelche Spezialwerkzeuge zur Melonenzubereitung gibt. Ich meine wirklich alles. Von Entkernern über Würfelschneider bis hin zu angeblich revolutionären Schneid-Gadgets aus fragwürdigen Social-Media-Videos. Mein Impulskontrollzentrum hat bisher jedoch jedes Mal heldenhaft eingegriffen. Ich will nicht schon wieder ein unnützes Küchen-Gadget in meinen mühsam aufgeräumten Küchenschrank stellen, das ich dann einmal benutze, bevor es auf ewig zwischen dem Avocadoschneider und der Ravioliform verschwindet.
Dann schleppe ich uns in die Küche. Ich drapiere Handtücher, lege verschiedene Behältnisse und Schneidwerkzeuge bereit und fange mit der Zubereitung an. Binnen weniger Minuten verteile ich mehr Wassermelone in meiner Küche als in der bereitgestellten Schüssel. Es sieht aus, als hätte ich eine Runde Fruit Ninja (dieses Handyspiel, in dem man mit dem Finger fliegende Früchte zerschneidet) in meiner Küche gespielt; halt nur in echt, mit weniger Skill und mehr Sauerei. Sensorisches Chaos vom Feinsten.
Meine Mitbewohner und Haustiere, die Eintagsfliegen, würden es sehr begrüßen, wenn sie auch am nächsten Tag noch etwas davon hätten. Wenn sie denn so lange leben würden. In den meisten Fällen schaffe ich es jedoch, meinen Melonenhunger zu bremsen, bis sich das Chaos zumindest annähernd beseitigt hat. Das ist der Versuch, Reizfilterung und Impulskontrolle unter einen Hut zu bringen. Denn wenn ich erstmal sitze und esse, sind meine Küche und ich verloren.
Ich brauche also gefühlt erstmal eine Ewigkeit, bis ich das gute Stück entkernt und geschnitten habe. Geschnitten muss sie sein, weil ich sie gerne mit Feta esse. Das allerdings nur, sofern ich am Ende dieser Prozedur noch Zeit, Lust und Energie habe, diesen ebenfalls hinzuzufügen. Meistens allerdings nicht. Der Akku ist leer, der Dopaminvorrat geplündert, die Handlungskette abgerissen. Aber dann ist schon alles vorbei. Am Ende wird es also meistens Wassermelone mit Salz.
Warum ich das mit euch teile? Weil ich weiß, dass ich viele Neurodivergente und kreative neurotypische Menschen in meiner Umgebung habe! Weil ich weiß, dass es hier Menschen gibt, die verstehen, wie eine eigentlich banale Sache wie eine Wassermelone zu einem ADHS Executive-Function-Endgegner wird. Denn es ist eben nicht einfach "mal machen". Aus einem Snack-Projekt wird plötzlich ein mehrstufiger Plan mit logistischen Herausforderungen. Und ich hoffe sehr, dass ich nicht die Einzige bin, die sich von einem melonigen Sommertraum regelmäßig in die Überforderung treiben lässt.
Und jetzt esse ich endlich meine Melone! Nachdem ich euch mit diesem absichtlich humoristischen, aber durchaus ernstgemeinten Hilferuf unterhalten habe!