27/07/2026
Oft werde ich gefragt, was wir in der ambulanten Hospizarbeit eigentlich machen.
Meine Antwort ist dann, dass wir sehr viele Aufgaben übernehmen können.
Darum erzähle ich künftig immer wieder aus Begleitungen.
Heute von dieser:
Ein Mann, 68 Jahre alt. Verheiratet. Vater, Großvater, Ehemann. Ein Mensch mit einem gelebten Leben, voller Erinnerungen, Erfahrungen, Hoffnungen und Pläne.
Dann die Diagnose: Pankreaskarzinom.
Innerhalb weniger Wochen veränderte sich vieles. Das Leben wurde plötzlich in Arzttermine, Therapieentscheidungen und Prognosen eingeteilt. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, wurden kostbar.
Er durfte zu Hause bleiben. Dort, wo er sich am wohlsten fühlte. Seine Ehefrau umsorgte ihn mit einer Liebe und Fürsorge, die mich tief beeindruckte. Auch medizinisch war er bestens versorgt. Das SAPV-Team begleitete ihn kompetent, Beschwerden wurden gelindert, Fragen beantwortet und Unsicherheiten aufgefangen.
Und doch gab es etwas, das weder Medikamente noch medizinische Expertise erreichen konnten.
Die Diagnose hatte ihn in eine tiefe Sinnkrise gestürzt.
Bei meinen Erstbesuch sprach nicht über körperliche Beschwerden. Es beschäftigten ihn andere Fragen:
"Warum muss mein Leben so enden?"
"Habe ich genug aus meinem Leben gemacht?"
"Was bleibt, wenn ich nicht mehr da bin?"
"Wie wird meine Frau ohne mich zurechtkommen?"
Es waren Fragen, die viele Menschen am Lebensende bewegen. Fragen, für die es keine einfachen Antworten gibt.
Eine unserer ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen begann, ihn regelmäßig zu besuchen. Sie brachte keine Lösungen mit. Kein fertiges Konzept. Keine Antworten.
Sie brachte etwas viel Wertvolleres mit:
Zeit. Aufmerksamkeit. Präsenz.
Sie hörte zu, ohne zu bewerten. Sie hielt Stille aus, wenn Worte fehlten. Sie schenkte Raum für Gedanken, die sonst oft keinen Platz finden.
Mit der Zeit entstanden Gespräche über sein Leben. Über seine Kindheit. Über seine erste große Liebe. Über den Aufbau seines Hauses. Über berufliche Erfolge, aber auch über verpasste Chancen und Fehler, die ihn bis heute beschäftigten.
Manchmal schauten beide alte Fotos an. Manchmal wurde gelacht. Manchmal flossen Tränen.
Und manchmal geschah einfach nichts anderes, als gemeinsam am Fenster zu sitzen und in den Garten zu schauen.
Nach und nach veränderte sich etwas.
Nicht die Krankheit.
Aber der Blick auf das Leben.
Eines Tages sagte er nachdenklich:
„Weißt du, eigentlich hatte ich ein gutes Leben. Ich habe gearbeitet, geliebt, gestritten, gelacht, Kinder großgezogen und Menschen gehabt, die mich liebten. Vielleicht ist das mehr, als viele Menschen von sich sagen können."
Genau darum geht es in der Hospizarbeit so oft.
Wir können das Leben nicht verlängern.
Wir können Krankheiten nicht heilen.
Aber wir können Menschen dabei unterstützen, ihren Weg bis zuletzt als ihren eigenen Weg zu erleben. Wir können helfen, Erinnerungen zu bewahren, Sorgen auszusprechen, Ängste zu teilen und wieder einen Blick auf das zu gewinnen, was das Leben wertvoll gemacht hat.
Hospizarbeit beginnt häufig dort, wo medizinische Versorgung an ihre Grenzen stößt und menschliche Begleitung besonders wichtig wird.
Für diesen Mann war die ehrenamtliche Begleitung keine zusätzliche Leistung.
Sie wurde zu einem Anker.
Zu einem Ort, an dem alles ausgesprochen werden durfte.
Zu einer Begegnung von Mensch zu Mensch.
Und genau deshalb sind unsere ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter so wertvoll.
Sie schenken etwas, das man nicht verordnen kann.
Zeit.
Zuwendung.
Menschlichkeit.
❤️ Das ist ambulante Hospizarbeit.
Da sein, wenn Fragen größer sind als Antworten.
Zuhören, wenn Sorgen Worte suchen.
Mitgehen, wenn der Weg schwer wird.
Und Menschen darin bestärken, dass ihr Leben Bedeutung hat – bis zuletzt.