20/02/2022
Frauen, die im Dunkeln leuchten
Sie wurden verstrahlt, ohne es zu ahnen: Vor 100 Jahren bemalten Arbeiterinnen Uhren mit Radium-Leuchtfarbe. Ihr Ende war grausam - doch zuvor schrieben sie Geschichte.
Für Katherine Schaub, 14, wurde ein Traum wahr. Aufgeregt begann sie im Februar 1917 ihren ersten Arbeitstag bei der US Radium Corporation. Die Firma hatte ihren Sitz in der 3rd Street in Newark (US-Bundesstaat New Jersey) und eine weitere Niederlassung in der Stadt Orange. Was Katherine nicht ahnte: Sie und ihre Kolleginnen hatten einen verhängnisvollen Fehler begangen.
"Radium Girls" wurden die Arbeiterinnen genannt; stolz sprachen sie davon, dass sie im "Atelier" tätig waren. Dass ihr neuer Job etwas Besonderes, ja Geheimnisvolles war, merkte Katherine Schaub auch, als sie an diesem 1. Februar 1917 in der Dämmerung heimging: Ein goldener Schimmer umgab das Mädchen in der Dunkelheit, ihre Haare schienen zu leuchten.
Katherines Aufgabe im "Atelier" war es, mit einer selbstleuchtenden Farbe Zifferblätter zu bemalen. Von Uhren, ebenso von Flugzeuginstrumenten, deren Ziffern nachts leuchten mussten. Jede Arbeiterin mischte ihre eigene Farbe an. In einen Tiegel gab sie Wasser, Gummi Arabicum, Zinksulfid und dazu eine besondere Substanz: Radium. Auf geradezu mystische Weise entstand eine grün-weiße, hell leuchtende Farbe. Der Effekt war atemberaubend.
Die Farbe enthielt nur geringe Spuren Radium. Aber die Partikel setzten sich überall fest, auf den Arbeitsplatten, in den Haaren, der Kleidung. Von der Straße aus bemerkten Passanten, dass ein goldener Schein die Frauen in dem Raum umgab, wo sie die Ziffernblätter prüften. "Sie sahen wie Engel aus einer anderen Welt aus", berichtete einer.
Die britische Autorin Kate Moore hat für ihr Buch "The Radium Girls" monatelang Briefe der Frauen, Gerichtsakten, Tagebücher und Zeitungsartikel zusammengetragen und mit vielen ihrer Verwandten gesprochen. Herausgekommen ist eine einzigartig detaillierte Chronik des Radium-Skandals.
1898 hatten Marie und Pierre Curie das Element Radium entdeckt. Bald schon galt es als "größte Entdeckung der Geschichte" - und als teuerste Substanz der Welt. Aus einer Tonne Erz gewann man in einem mühsamen Verfahren gut fünf Milligramm Radium. Ein einziges Gramm kostete nach heutigem Wert rund 2,2 Millionen US-Dollar. Eine regelrechte Gier nach dem "flüssigen Sonnenschein" setzte ein.
Die kleinsten zu bemalenden Objekte waren Taschenuhren mit knapp 3,5 Zentimetern Durchmesser. Die Striche auf dem Zifferblatt durften nur einen Millimeter breit sein. Dafür benutzten die Frauen Kamelhaarpinsel. "Ich hatte noch nie einen so feinen Pinsel gesehen. Er hatte wohl nur 30 Haare", berichtete eine Arbeiterin. Schon nach ein paar Strichen jedoch strebten sie widerborstig in alle Richtungen. Um die Spitze wieder zu schließen, sahen die Frauen nur eine Möglichkeit: "Wir nahmen die Pinsel in den Mund", erinnerte sich Katherine Schaub in einem Tagebucheintrag.
Spitzenkräfte wie ihre Kollegin Grace Fryer schafften bis zu 250 Zifferblätter am Tag. Vor Kriegseintritt der USA waren etwa 70 Frauen im "Atelier" tätig, ab 1918 mehr als 200.
Undark hieß die Leuchtfarbe, mit der die Frauen arbeiteten. Entwickelt hatte sie der Österreich-stämmige Wissenschaftler Sabin Arnold von Sochoky, Mitgründer der US Radium Corporation. Sein Handwerk hatte er bei den Entdeckern des Elements gelernt, bei Marie und Pierre Curie, und wusste, dass der Umgang mit Radium extrem gefährlich war.
Im Firmenlabor mussten die Mitarbeiter Schutzkleidung tragen und Radiumröhren nur mit Zangen aus Elfenbein bewegen. Im "Atelier" dagegen: keinerlei Vorsichtsmaßnahmen. Alle dachten, die geringe Konzentration in der Leuchtfarbe sei absolut harmlos.
Im "Atelier" werkelte man weiter ganz unbekümmert. Eine italienischstämmige Arbeiterin bemalte sich vor einem Rendezvous ihre Zähne mit Leuchtfarbe, um ihren Angebeteten mit einem Lächeln zu überraschen, das ihn "umhauen sollte". War das Radium aber einmal im Körper, verließ es ihn nie wieder.
Die wahren Folgen zeigten sich erst Jahre später.
Es kam zu schlimmsten Knochenbrüchen, Blutungen und unzähligen Todesfällen. Die Frauen hatten keine Überlebenschancen.
Fotos: SSPL/Getty Images, Bettmann Archives, National Archives
Quelle: Spiegel Geschichte