26/02/2026
In meiner Hautarztpraxis: Fehltermine als gesellschaftliches Problem
Wer heutzutage einen Facharzttermin braucht, weiß: Die Wartezeiten sind oft lang, die Frustration groß. Was dabei selten öffentlich thematisiert wird: Wie viele Termine jeden Monat einfach ungenutzt verfallen – obwohl sie anderen Patientinnen und Patienten dringend geholfen hätten.
In meiner Hautarztpraxis in Lünen hatten wir im Januar 2026 einen No‑Show‑Anteil von 9 Prozent. Das bedeutet: Beinahe jeder zehnte Patient ist zum vereinbarten Termin nicht erschienen – ohne Absage, ohne kurze Nachricht, ohne jede Reaktion. In „normalen“ Monaten liegen wir bei 6 bis 8 Prozent. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht harmlos, ist in der Summe aber ein ernstes Problem.
Was ein „Fehltermin“ konkret bedeutet
Ein ärztlicher Termin ist keine beliebige Reservierung wie ein Platz im Restaurant, den man im Zweifel spontan verfallen lässt. Für jeden Termin werden:
Behandlungszeit eingeplant
Personal vorgehalten
Räume und Technik bereitgestellt
Befunde vorbereitet, Vorberichte gesichtet
Wenn der Patient dann unentschuldigt wegbleibt, bleibt nicht nur der Stuhl leer. Diese Zeit kann nicht spontan an andere weitergegeben werden, weil Akutpatienten und Wartelisten strukturiert geplant sind.
In meiner Praxis bedeutet die aktuelle Quote:
Ich könnte locker zehn zusätzliche Patientinnen und Patienten pro Tag versorgen, wenn alle, die nicht kommen können, ihren Termin rechtzeitig absagen würden. Zehn Menschen weniger auf der Warteliste – jeden einzelnen Tag.
No‑Shows sind kein Kavaliersdelikt
Ein nicht wahrgenommener Termin ohne Absage ist kein „Kann ja mal passieren“, sondern verursacht realen Schaden:
Andere Patientinnen und Patienten warten länger auf dringend benötigte Diagnostik oder Therapie.
Das medizinische Personal arbeitet mit künstlich verknappten Kapazitäten, obwohl die Zeit eigentlich da wäre.
Die Solidargemeinschaft trägt die Kosten für vorbereitete, aber nicht erbrachte Leistungen.
Natürlich: Krankheit, Notfälle, Stress – es gibt immer Situationen, in denen man einen Termin nicht wahrnehmen kann. Aber eine kurze Telefon‑ oder Online‑Absage ist heute fast immer möglich. Genau diese kleine Geste der Rücksichtnahme entscheidet darüber, ob ein Termin ungenutzt verfällt oder kurzfristig an jemanden vergeben werden kann, der dringend Hilfe braucht.
Verantwortung: nicht nur bei den Ärztinnen und Ärzten
In der öffentlichen Diskussion wird häufig so getan, als läge die Verantwortung für Versorgungsengpässe allein bei den Praxen und der Gesundheitspolitik. Mehr Sprechstunden, mehr Verpflichtungen, mehr Bürokratieauflagen – die Forderungen richten sich meist in eine Richtung: gegen die Ärzteschaft.
Was dabei zu kurz kommt: Ein Gesundheitssystem funktioniert nur, wenn alle Beteiligten Verantwortung übernehmen. Dazu gehören auch die Patientinnen und Patienten. Wer einen Termin reserviert, blockiert damit einen Zeitplatz – und trägt damit Mitverantwortung dafür, wie gut oder schlecht die vorhandenen Ressourcen genutzt werden.
Was sich ändern muss
Aus meiner Sicht brauchen wir auf mehreren Ebenen ein Umdenken:
Mehr Bewusstsein: Ein Fehltermin ist kein harmloses Versehen, sondern ein Beitrag zur Überlastung des Systems.
Klare Regeln: Praxen sollten stärker unterstützt werden, verbindliche Terminregelungen einzuführen – etwa Erinnerungsdienste, aber auch Möglichkeiten, bei wiederholten No‑Shows Konsequenzen zu ziehen.
Politische Ehrlichkeit: Wenn Politik uns Ärztinnen und Ärzten mehr Pflichten auferlegt, muss sie gleichzeitig benennen, dass auch die Eigenverantwortung der Patienten ein entscheidender Faktor ist.
Mein Wunsch ist einfach: Wenn Sie einen Termin nicht wahrnehmen können – sagen Sie so früh wie möglich ab. Damit helfen Sie nicht mir, sondern vor allem den Menschen, die heute vielleicht noch wochenlang auf einen freien Platz warten. Ein respektvoller Umgang mit Terminen ist gelebte Solidarität – und ein unverzichtbarer Baustein für ein funktionierendes Gesundheitssystem.
Ihr Hautarzt
Dr. Marcus Happe