01/09/2026
Seit mehr als zehn Jahren bin ich Hausarzt – mit Freude, aus Überzeugung und verbunden mit meinen Patienten. Ich liebe diesen Beruf.
Aber ich bin auch Unternehmer und Arbeitgeber. Ich trage Verantwortung für meine Mitarbeiterinnen und dafür, dass Gehälter, Miete, Energie, Versicherungen, IT und Geräte bezahlt werden.
Auf Dauer kann niemand mehr Geld ausgeben, als er einnimmt – keine Familie, Praxis, Klinik oder Krankenkasse. Milliardendefizite lösen sich nicht von selbst. Wer politische Verantwortung trägt, muss handeln. Wer jede Veränderung ablehnt, muss erklären, wer unser Gesundheitswesen künftig bezahlt.
Wenn das System erhalten bleiben soll, müssen alle beitragen: Politik, Kassen, Kliniken, Pharmaindustrie, Versicherte und auch wir Ärzte. Die Betonung liegt auf alle.
Die Praxiskosten sind erheblich gestiegen. Unsere Medizinischen Fachangestellten leisten hervorragende Arbeit und verdienen eine angemessene Bezahlung. Löhne und Kosten stiegen jedoch teilweise stärker als unsere Honorare. Zugleich basiert die Gebührenordnung für Ärzte im Wesentlichen noch auf dem Stand von 1996; ihr Punktwert wurde seit Jahrzehnten praktisch nicht angepasst.
Den Begriff „Nutznießer des Gesundheitssystems“ empfinde ich als falsch und verletzend. Wir sind keine Nutznießer, sondern Leistungserbringer und Arbeitgeber. Wir halten dieses System jeden Morgen am Laufen.
Wir müssen ehrlich darüber sprechen, welche Leistungen solidarisch finanzierbar sind, wo Strukturen effizienter werden müssen und welche sozialverträgliche Eigenbeteiligung möglich ist. Menschen mit geringem Einkommen und chronisch Kranke müssen geschützt werden. Aber nicht jede Leistung kann unbegrenzt angeboten werden.
Auch die Vergütung muss an die tatsächlichen Kosten angepasst werden. Das ist keine Bereicherung, sondern Voraussetzung für wohnortnahe Praxen. Geben Kollegen ihre Niederlassung auf, verliert das Gesundheitswesen keine „Nutznießer“, sondern tragende Säulen.
Wir brauchen weniger Empörung und mehr Ehrlichkeit, Respekt und Verantwortung. Nur so bleibt unser Gesundheitswesen leistungsfähig, sozial gerecht und bezahlbar.
Nachdenklich, aber weiterhin mit großer Freude Hausarzt,
Ihr
Dr. med. Ansgar Hieronymus