04/08/2026
Der Artikel beschreibt genau das, was ich über ihn immer dachte. RIP
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Nicht der Tod beschäftigt mich. Sondern der Applaus.
Ehrlich gesagt habe ich eine ganze Weile darüber nachgedacht, ob ich zu diesem Thema überhaupt etwas schreiben soll. Denn es geht hier nicht um einen Menschen, der gerade verstorben ist. Über Verstorbene sollte man mit Respekt sprechen. Was mich jedoch beschäftigt, ist etwas anderes. Seit der Bekanntgebung seines Todes, sehe ich Beiträge von Ausbildungsställen und Trainern, die Bilder mit Monty Roberts veröffentlichen, erzählen, wie sehr sie ihn bewundert haben und welchen Einfluss er auf ihr eigenes Pferdetraining hatte. Fast scheint es, als würde mit seinem Tod nicht nur der Mensch geehrt, sondern gleichzeitig auch seine gesamte Trainingsphilosophie noch einmal auf einen Sockel gestellt. Und genau an diesem Punkt beginne ich nachzudenken.
Dabei geht es mir nicht einmal in erster Linie um seine Biografie. Ja, bereits vor mehr als 25 Jahren erschienen mehrere kritische Berichte, unter anderem in der Sunday Times, die viele der Geschichten aus seiner Autobiografie hinterfragten. Wer sich dafür interessiert, kann diese Recherchen auch heute noch nachlesen. Für mich ist das allerdings gar nicht der entscheidende Punkt. Selbst wenn jedes einzelne Wort seiner Lebensgeschichte wahr wäre, bliebe für mich dieselbe Frage bestehen: Warum feiern wir eine Methode, die darauf aufbaut, ein Fluchttier zunächst unter Druck zu setzen, damit es sich am Ende dem Menschen zuwendet?
Ich habe ihn übrigens selbst live erlebt. Und nein, ich schreibe das nicht erst jetzt, nachdem sein Tod das Thema wieder in den Mittelpunkt gerückt hat. Bereits am 20. Februar 2026 habe ich einen Beitrag mit dem Titel „Applaus für gebrochene Pferde – oder vom Versprechen einer Illusion“ veröffentlicht. Nicht, weil es damals einen besonderen Anlass gegeben hätte, sondern einfach deshalb, weil mich dieses Thema seit vielen Jahren beschäftigt. An meiner Wahrnehmung hat sich bis heute nichts verändert. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal einen Ausschnitt aus diesem Beitrag mit Euch teilen.
Vor 27 Jahren, als ich in Denver, Colorado lebte, saß ich selbst in einer riesigen Halle. Genau der Trainer, von dem heute wieder überall die Rede ist, stand damals im Scheinwerferlicht. Die Pferde, die er präsentierte, hätten angeblich zuvor keinen Menschenkontakt gehabt – abgesehen von sauber getrimmten Hufen und sorgfältig gepflegten Mähnen. Ich höre seine Stimme noch heute. „Meine Damen und Herren – nach nur 8 Minuten und 27 Sekunden liegt der Sattel drauf.“ Er hatte nicht gelogen, der Sattel lag tatsächlich auf dem Pferd. Doch das Pferd selbst war für mich nicht vertrauensvoll, sondern innerlich verzweifelt. Sein Rennen war keine Freude an der Bewegung, sondern der Versuch, dieser Situation zu entkommen. Wenig später erklang erneut seine Stimme durch die Halle: „Nach nur 12 Minuten und 35 Sekunden sitzt der Reiter drauf.“ Das Publikum schien begeistert.
Was allerdings unerwähnt blieb: Nach einer Minute und fünfundvierzig Sekunden befand sich der Reiter bereits wieder im Sand. Dieser Umstand schien jedoch keine Rolle zu spielen, denn entscheidend war allein die demonstrierte Effizienz, messbar in Minuten und Sekunden. Nicht das Zittern unter der Haut, nicht die weit aufgerissenen Augen und auch nicht das unausgesprochene, dennoch für mich sehr klare Nein des Pferdes fanden Beachtung. An diesem Abend wurden vier Pferde auf diese Weise gearbeitet. Für mich war das ein Missbrauch dieser Pferde. Ich konnte es mir nicht bis zum Ende ansehen.
Ja, ich glaube durchaus, dass Monty Roberts etwas verändert hat. Viele Menschen begannen durch ihn, über einen anderen Umgang mit Pferden nachzudenken. Das möchte ich ihm gar nicht absprechen. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass dieses Umdenken sehr häufig auf Kosten der Pferde stattfand, die diesen Weg mitgehen mussten. Und genau deshalb fällt es mir schwer, heute in den allgemeinen Applaus einzustimmen.
Fortschritt sollte für mich nicht daran gemessen werden, ob wir weniger hart sind als unsere Vorgänger. Fortschritt sollte daran gemessen werden, wie es dem einzelnen Pferd auf diesem Weg geht.
Damals war ich deutlich jünger und verfügte bei Weitem noch nicht über das Wissen, das ich heute habe. Aber eines habe ich bereits damals gespürt: Irgendetwas stimmt hier nicht. Und je mehr ich in den vergangenen Jahrzehnten über Pferde gelernt habe, je mehr ich begonnen habe, ihr Verhalten, ihre Emotionen und ihre Art zu kommunizieren wirklich verstehen zu wollen, desto deutlicher wurde mir, warum mich dieses Gefühl nie wieder losgelassen hat.
Auch heute frage ich nicht, wie schnell ein Pferd einem Menschen folgt. Ich frage vielmehr, warum es ihm folgt. Folgt es, weil Vertrauen entstanden ist? Weil es verstanden hat, worum es geht? Weil es sich sicher fühlt? Oder folgt es, weil der Druck so groß geworden ist, dass Nähe plötzlich die angenehmere Alternative erscheint? Oder folgt es vielleicht gar nicht aus Vertrauen, sondern aus Gehorsam?
Genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied. Ein Pferd, das sich dem Druck entzieht und schließlich den Menschen aufsucht, hat für mich noch lange kein Vertrauen entwickelt. Es hat zunächst einmal eine Entscheidung getroffen, die unter den gegebenen Umständen die bessere Option zu sein scheint. Vertrauen entsteht für mich nicht dadurch, dass ein Pferd aufhört wegzulaufen. Vertrauen entsteht dort, wo ein Pferd sich verstanden fühlt, wo seine Antworten wahrgenommen werden und wo der Mensch bereit ist, seine eigenen Fragen immer wieder zu hinterfragen.
Deshalb erschreckt mich heute weniger das, was ich damals in dieser Halle gesehen habe. Mich erschreckt vielmehr, dass wir fast dreißig Jahre später noch immer dieselben Bilder feiern. Dass Round Pens noch immer genutzt werden, um Fluchtverhalten gezielt hervorzurufen, obwohl diese Pferde längst mit Menschen leben, längst sozialisiert sind und uns jeden Tag aufs Neue zeigen könnten, wie Beziehung wirklich entsteht. Ich hatte gehofft, dass wir inzwischen weiter wären. Dass wir Kompetenz nicht mehr daran messen, wie schnell ein Sattel auf einem Pferd liegt oder wie viele Minuten bis zum ersten Aufsteigen vergehen, sondern daran, wie es dem Pferd auf diesem Weg geht.
Eine Trainingsmethode wird nicht dadurch richtig, dass ihr Begründer berühmt war. Und sie wird auch nicht richtiger, weil ihr Begründer gestorben ist. Jede Methode muss sich dieselbe Frage gefallen lassen: Wie geht es dem Pferd auf dem Weg? Nicht am Ende, wenn das Ziel erreicht ist, sondern in jedem einzelnen Moment dorthin.
Ich habe damals in dieser Halle gespürt, dass etwas nicht stimmt. Damals konnte ich dieses Gefühl noch nicht so klar begründen wie heute. Aber das Pferd hat mir seine Antwort schon damals gegeben.
Was mich deshalb so nachdenklich macht, ist nicht der Tod eines Menschen. Was mich nachdenklich macht, ist, dass mit ihm offenbar auch eine Trainingsmethode noch einmal gefeiert wird, die bis zuletzt darauf beruhte, Pferde durch Druck dazu zu bringen, sich dem Menschen anzuschließen, und die Aufgabe ihres Widerstandes als Vertrauen zu bezeichnen. Daran hat sich nichts geändert. Und genau deshalb fällt es mir schwer, diesen Applaus zu teilen.
Nicht der Mensch ist es, den ich kritisiere. Es ist die Lehre, die bis zuletzt verbreitet wurde und die bis heute von vielen Menschen übernommen wird. Und vielleicht sollten wir im Pferdetraining endlich damit aufhören, einzelnen Menschen zu folgen – und stattdessen wieder anfangen, den Pferden zuzuhören.