26/05/2026
DAS DRECKSCHWEINFEST IM HARZ
Stell dir einmal vor, Dreckschweine würden regieren, nicht nur das Land, sondern die Welt, nicht nur den elendig kalten Winter, son-dern auch die lichte Zeit, was wäre dann? Du sagst, die Dreck-schweine wären schon an der Macht, doch ich glaube, du verstehst nicht. Dreckschweine gab’s zwar schon immer, doch immer wurden sie auch vertrieben, dass es wieder gut und Sommer wird. Dieses Gleichnis hat also nichts mit der Politik hierzulande zu tun. Gemeint sind nur die Wintergeister, die sich bekanntlich lange an den Thron klammern, den sie sich mit den Herbststürmen von den holden Lichtwesen zurückeroberten. Manchmal dachten die Menschen: „Der Kampf gewinnt das Licht nicht allein, wir müssen mit Tatkraft und Mut selbst dabei sein!“
So entwickelte sich gerade im Mansfelder Land ein ganz tiefer, personalisierter Naturglaube, woraus die heutige Hergisdorfer Pfingstgesellschaft entspross. Das heute kirchlich gefeierte Pfingsten, musst du wissen, ist ein urheidnisches Fest, das ihren Ursprung vielleicht sogar noch vor den altgermanischen Bräuchen in der Sonnenanbetung findet (vgl. hierzu unser Questenfest). In Hergisdorf ist es seit 1620 nachgewiesen – weder der frostige Winter noch die SED konnten etwas daran ändern, dass er Brauch bis heute fortbesteht. Auch die Kirche wollte das Fest mit seinen „Pfingstbiersäufern“ mehrfach verbieten (beginnend dem Jahre 305 auf dem Konzil von Elvira), hat aber am Ende ein Einsehen gehabt, das Fest für sich genutzt und sogar seinen finanziellen Beitrag entrichtet. So steht im Hergisdorfer Kirchenbuch: „Pastor Seifert hat den Obolus zur Pfingstmaie entrichtet, Hergisdorf 1620!“
Zum Pfingstmontag ziehen die Pfingstburschen durch die geschmückten Grunddörfer, lassen ihre Peitschen knallen und grüßen mit „Gut Wetter!“- sie rufen all die wackeren Burschen zusammen, um die Dreckschweine zu vertreiben, die in einer Suhle am Walde durch den Schlamm toben, sich gegenseitig immer wieder hineinschubsen und wahrlich Spaß daran zu haben scheinen. Ein wildes Spiel, dass daran erinnert, wie frivol der Brauch einst gewesen sein muss und der Kirche freilich ein Dorn im Auge war. – Zum Schluss natürlich werden die Dreckschweine im Schlamm getauft und von den bunt geschmückten Läufern, den Sommer darstellend, vertrieben. Heute gehört das Dreckschweinfest zum immateriellen Weltkulturerbe. 😊
(aufgeschrieben von Carsten Kiehne im Buch "DIE HELLE ZEIT", erscheint noch dieses Jahr; mehr Infos zum Dreckschweinfest findest du hier: https://www.dreckschweinfest.de/)