01/01/2021
Ein Paar Zeilen aus „Überwintern“ von Sylvia Plath zum Neuen Jahr - Poesie statt Neujahrsvorsätze finde ich viel schöner. 🤍
Überwintern
Dies ist die ruhige Zeit, nichts tut sich.
Ich habe die Schleuder der Hebamme gewirbelt,
Ich habe meinen Honig,
Sechs Gläser voll,
Sechs Katzenaugen im Weinkeller.
Überwintern in einem fensterlosen Dunkel
Im Herzen des Hauses
Neben der ranzigen Marmelade des letzten Mieters
Und Flaschen voll leeren Geglitzers –
Sir So-undsos Gin.
Dies ist der Raum, in dem ich nie war.
Dies ist der Raum, in dem ich nie atmen könnte.
Hier ballt sich die Schwärze wie eine Fledermaus,
Lichtlos,
Nur der Taschenlampe schwaches
Chinesisches Gelb auf abstossenden Objekten –
Schwarze Verblödung. Verwesung.
Besitz.
Sie sind’s, die mich besitzen.
Weder unbarmherzig noch abgestumpft,
Nur unwissend.
Dies ist die Zeit des Durchhaltens der Bienen. Bienen –
So langsam, dass ich sie kaum erkenne.
In Reih und Glied wie Soldaten,
Hin zur Dose mit Sirup,
Der ihnen den Honig ersetzt, den ich nahm.
„Südzucker“ macht ihnen Beine,
Der veredelte Schnee.
Sie leben von Raffinade statt Blumen.
Sie nehmen es, wie es kommt. Die Kälte setzt ein.
Jetzt verknäueln sie sich zu einer Masse,
Schwarz –
Gesinnt gegen all das Weiss.
Das Lächeln des Schnees ist weiss.
Es breitet sich aus – ein meilenweiter Meissener-Porzellan-Leib,
In den sie, an warmen Tagen,
Nur ihre Toten tragen können.
Alle Bienen sind Frauen,
Die Dienstmägde und die grosse royale Dame.
Männer haben sie abgeschafft,
Die stumpfen, plumpen Stolperer, diese Tölpel.
Winter ist was für Frauen –
Die Frau, die still vor sich her strickt,
An der Wiege aus spanischer Walnuss,
Ihr Körper eine Steckzwiebel in der Kälte, zu dumpf, um zu denken.
Wird der Schwarm überleben, wird es den Gladiolen
Glücken, mit ihrem Feuer zu haushalten,
Um ein weiteres Jahr zu schaffen?
Wonach werden sie schmecken, die Schneerosen?
Die Bienen fliegen. Sie probieren den Frühling.
Sylvia Plath