01/09/2026
„Jedes Publikum kriegt die Vorstellung, die es braucht“, schrieb Curt Goetz einmal. Vielleicht gilt das auch für politische Debatten: Man bekommt die Diskussion, die man zulässt.
Letzte Woche hat der Bundeskanzler das ganz gut vorgeführt. Auf die Kritik einer Kinderärztin am Sparkurs im Gesundheitswesen antwortete er durchaus auch mit Argumenten – verstieg sich aber eben auch zu: „Sie sind ja auch Nutznießerin dieses Systems.“
Nutznießer klingt für mich wie Kunstschaffender: Technokratensprache, die die Individualität eines Menschen durch eine Funktionszuordnung ersetzt. Letztlich klingt es auch einfach wie Schmarotzer, nur höflicher verpackt.
Mein Selbstbild ist ein anderes: Ich bin Arzt.
Das heißt für mich mehr als Diagnosen stellen und behandeln – ich erlaube mir einen ganzen Blick auf den Menschen, der vor mir sitzt, nicht nur auf sein Symptom. Dafür angemessen bezahlt zu werden, ist keine Bedienung am System, sondern eine verdiente Gegenleistung für eine spezialisierte Versorgung mit langer Ausbildung, viel Erfahrung und Expertise.
Wer das nicht honorieren möchte, sollte einfach die Freiheit und Möglichkeit haben, dann eine andere Variante im Gesundheitssystem „genießen“ zu dürfen. Mehr Wahl-Freiheit für Patienten, unternehmerische Freiheit für Ärzte, weniger Staat, das sind Sachen, die schnell dekouvrieren würden, was Sh*t-Medizin und Sh*t-Angebote sind, und was wirklich trägt.
Es braucht natürlich einen echten Schnitt im Gesundheitssystem, vielleicht sogar Disruption – und die unbequemen Wahrheiten, die dazugehören. Wer ihnen ausweicht, greift natürlich stattdessen zu Etiketten. Das ersetzt kein Argument, es kaschiert nur, dass keins da ist.
Für mich bleibt am Ende: Diese Debatte ist weitgehend vergiftet, vor allem sobald es ums Geld geht. Wahrscheinlich muss sich künftig jeder seine eigene Rolle in diesem System neu suchen, ob als Patient, Arzt oder Pflegender. Wertschätzung jedenfalls spüre ich vom System kaum noch – die hole ich mir über meine Arbeit und meine Patienten.