29/08/2026
Manchmal elektrisiert mich ein Zitat, wie dieses von Viktor Frankl. Sinngemäß soll ich die Verantwortung dafür übernehmen, was ich aus mir gemacht habe. Klingt provokant, oder?
Als Therapeut denke ich mit meinen Patientinnen und Patienten über diese Provokation nach: Sie holt uns aus dem Modus „Da kann ich nichts machen“ heraus. Sie unterstellt nicht, dass alles frei gewählt ist – aber sie erinnert daran, dass wir nicht alles kontrollieren können, was uns begegnet. Und doch können wir immer wieder prüfen: Welche Haltung nähre ich jetzt? Welchen nächsten Schritt mache ich? Wofür stehe ich ein, obwohl es leichter wäre, die Verantwortung abzugeben?
Ich verstehe Verantwortung dabei nicht als Schuldzuweisung, sondern als innere Handlungsfähigkeit. Sie beginnt oft leise, mit dem Moment, in dem ich mir selbst nicht mehr ausrede, warum ich gerade so denke, fühle oder reagiere – sondern frage, was wirklich dahinterliegt. Was wurde verletzt? Was wurde gelernt? Was brauche ich, um anders zu werden?
Und dann wird Frankls Aussage für mich zu einer Einladung: Entscheide dich für ein „Mehr“ an Menschlichkeit in dir. Nicht perfekt, nicht sofort, aber echt. Menschsein heißt eben nicht, dass alles gelingt – sondern dass du dich dem Leben stellst und immer wieder sagst: „Ich übernehme meinen Anteil. Ich entscheide, wer ich in dieser Situation sein will.“
Vielleicht ist das die stärkste Form von Hoffnung: Nicht die Hoffnung, dass das Leben leichter wird. Sondern die Hoffnung, dass du dir selbst nicht mehr im Weg stehst – sondern Verantwortung als Weg begreifst, aus Erfahrungen Sinn zu machen und aus dir Schritt für Schritt das werden zu lassen, was möglich ist.