13/08/2026
BLUTVERDÜNNER ABSETZEN?
DIE WICHTIGERE FRAGE IST, WIE SIE DIE HÄMOSTASE PLANEN.
Lokale Blutstillung bei antithrombotisch behandelten Patienten neu gedacht.
Patienten unter Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern gehören zum Alltag der Zahnarztpraxis. Besonders bei älteren und multimorbiden Patienten treffen Blutungs- und Thromboserisiken aufeinander.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht automatisch:
„Soll der Blutverdünner abgesetzt werden?“
Sondern:
„Wie lässt sich die lokale Hämostase zuverlässig kontrollieren, ohne unnötig in die systemische antithrombotische Therapie einzugreifen?“
01 — NICHT PAUSCHAL ABSETZEN
Bei antithrombotisch behandelten Patienten müssen Blutungsrisiko und thromboembolisches Risiko einer Therapieunterbrechung gegeneinander abgewogen werden. Für viele zahnmedizinische Eingriffe stehen zunächst lokale Maßnahmen zur Verfügung. Eine Änderung der Medikation sollte nicht eigenständig erfolgen, sondern anhand aktueller Fach- und Leitlinieninformationen und gegebenenfalls in Abstimmung mit dem behandelnden Arzt.
02 — HÄMOSTASE IST EIN GESAMTKONZEPT
Eine zuverlässige Blutstillung beginnt nicht mit einem Hämostyptikum:
• atraumatisches Vorgehen
• mechanische Kompression
• Naht bzw. Adaptation, wenn indiziert
• Packing bzw. geeignete lokale Materialien
• Kontrolle der Hämostase vor der Entlassung
Nicht das „stärkste“ Hämostyptikum entscheidet – sondern das richtige Gesamtkonzept.
03 — WO KOMMT TRANEXAMSÄURE INS SPIEL?
Tranexamsäure wirkt antifibrinolytisch. Sie hemmt die Fibrinolyse und unterstützt damit die Stabilisierung des bereits gebildeten Fibrinthrombus.
Damit ist sie für die lokale Blutungskontrolle pharmakologisch interessant – als möglicher ergänzender Baustein bei ausgewählten Patienten und Eingriffen.
Wichtig: Tranexamsäure ersetzt keine sorgfältige chirurgische und lokale Hämostase. Der zusätzliche Nutzen gegenüber etablierten Standardmaßnahmen ist differenziert zu bewerten.
04 — PATIENT UND EINGRIFF ENTSCHEIDEN
Relevant sind unter anderem Art und Umfang des Eingriffs, die antithrombotische Therapie, Begleiterkrankungen, weitere Medikamente, die lokale Situation und das erwartbare Blutungsrisiko.
Die moderne Hämostase ist keine „One-size-fits-all“-Therapie.
MEINE THESE
DIE ZUKUNFT DER BLUTUNGSKONTROLLE LIEGT NICHT IM PAUSCHALEN ABSETZEN.
SIE LIEGT IN DER PRÄZISEN KONTROLLE DER LOKALEN HÄMOSTASE.
Lokal. Gezielt. Strukturiert. Evidenzbasiert.
Oliver Lamest · Apotheker
Bellevue Apotheke Saarbrücken
IHRE ERFAHRUNG IST GEFRAGT:
Wie organisieren Sie die lokale Hämostase bei Patienten unter Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern?
Ich freue mich auf den fachlichen Austausch.
FACHLICHER HINWEIS:
Dieser Beitrag richtet sich ausschließlich an Angehörige der Fachkreise und dient der wissenschaftlichen Information und dem fachlichen Austausch. Er stellt keine individuelle Therapieempfehlung und keine Werbung für ein bestimmtes Arzneimittel dar.