10/09/2026
Licht aus, Tablet an?
Blaues Licht gilt als Schlaf-Killer. Eine Bochumer Studie mit Kleinkindern zeigt nun: Bei einer kurzen, ruhigen Tablet-Geschichte ist der Effekt auf das Schlafhormon nicht so eindeutig wie erwartet. Entscheidend bleibt, was läuft, wie lange es läuft und ob daraus ein Ritual wird.
Abends leuchtet noch das Tablet, das Kind kuschelt sich ein, eine Geschichte läuft. Viele Eltern denken sofort: lieber nicht. Blaues Licht, Melatonin, schlechter Schlaf – da war doch was. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum bringt jetzt Bewegung in diese Gewissheit. Bei Kleinkindern bestätigte sich die Erwartung nicht, dass eine kurze Tablet-Geschichte die Melatoninausschüttung stärker bremst als ein Bilderbuch. Das heißt nicht: Bildschirm an bis Mitternacht. Es heißt nur: Ganz so einfach ist die Sache nicht.
Was wurde gemessen?
Die Entwicklungspsychologinnen Sabine Seehagen, Neele Hermesch und Carolin Konrad wollten wissen, was abends mit und ohne Tablet wirklich passiert. Denn viele Studien zeigen zwar: Kinder mit viel Medienzeit schlafen oft schlechter. Sie sagen aber nicht sicher, was Ursache und was Folge ist. Stört der Bildschirm den Schlaf – oder kommt er gerade deshalb zum Einsatz, weil ein Kind schwer zur Ruhe kommt?
Darum wurden 32 Familien mit Kindern von 15 bis 24 Monaten begleitet: einmal mit Tablet-Geschichte, einmal mit Bilderbuch. Speichelproben zeigten, wie das Schlafhormon Melatonin anstieg. Eine Schlafuhr am Fußgelenk zeichnete Bewegungen in der Nacht auf. Erwartet wurde: Das Tablet bremst den Melatoninanstieg. Doch die Daten bestätigten diese Annahme nicht.
Warum das überrascht
Unser Körper nutzt Licht als Taktgeber; leuchtende Displays können den Schlafrhythmus verschieben. Deshalb klingt die Warnung vor Blaulicht logisch. Auch bei Kindern und Jugendlichen sieht die Gesamtforschung eher kritisch aus. Bildschirmmedien am Abend hängen oft mit späteren Bettzeiten und kürzerem Schlaf zusammen. Nur liegt das nicht immer allein am Licht. Oft geht es auch um Zeit, Spannung und Gewohnheit.
Eine ruhige Gute-Nacht-Geschichte ist eben nicht dasselbe wie ein wildes Video, ein Spiel mit Belohnungsreiz oder Nachrichten, die im Kopf weiterarbeiten. Je älter Kinder werden, desto stärker zählt genau dieser Sog: noch eine Folge, noch eine Runde, noch eine Antwort.
Der Inhalt schläft mit
Die Bochumer Ergebnisse sind spannend, wenn auch begrenzt. Untersucht wurde eine kleine Gruppe von Kleinkindern in einer bestimmten Situation: kurz, ruhig, begleitet und zu Hause. Daraus kann man nicht ableiten, dass jedes Kind mit jedem Bildschirm gut einschläft. Man kann aber sagen: Nicht jeder Bildschirmmoment ist automatisch ein Schlafräuber.
Was heißt das für Familien?
Für Kleinkinder bleibt Bildschirmzeit etwas, das Eltern bewusst dosieren sollten. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder unter zwei Jahren möglichst keine Bildschirmzeit; für Kinder von zwei bis vier Jahren höchstens eine Stunde am Tag.
Wenn abends trotzdem mal ein Tablet im Einsatz ist, zählt der Rahmen: ruhig statt grell, gemeinsam statt allein, kurz statt endlos. Helligkeit runter, Autoplay aus, keine schnellen Clips, keine Spiele, kein »noch ein Video«. Das Gerät sollte nicht zur Einschlafhilfe werden, ohne die es abends nicht mehr geht.
Bilderbuch bleibt stark
Das gute alte Bilderbuch nimmt Tempo raus. Seiten blättern nicht von allein weiter, gezeichnete Figuren schicken keine Push-Nachrichten und Schluss ist leichter Schluss. Die Studie nimmt also nicht dem Bilderbuch den Glanz, sondern dem Tablet etwas von seinem Schrecken. Schwierig wird es, wie so oft, wenn aus der Ausnahme eine Gewohnheit wird.
Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern - leserservice.sud-verlag.de