Systemische Gesundheit

Systemische Gesundheit Lösungen. Selbst. Entwickeln.

📚 Systemischer Therapeut i.A.
🔮 Psychologe, M.Sc.
🏋️🏼

06/08/2026

Mit einem Augenzwinkern gemeint aber ganz ohne Hintergrund ist der Witz nicht. 😉

Viele Menschen mit ADHS erleben, dass Aufgaben plötzlich deutlich leichter werden, wenn eine andere Person involviert ist. Nicht, weil wir faul sind oder unsere Wohnung anderen zuliebe wichtiger ist als uns selbst.

Häufig verändern soziale Faktoren die Motivation: Es entsteht mehr Dringlichkeit, mehr Verbindlichkeit und die Aufgabe gewinnt subjektiv an Bedeutung. Das kann dabei helfen, die Hürde zwischen „Ich müsste mal anfangen“ und „Ich mache es jetzt“ zu überwinden.

Dahinter steckt nicht fehlendes Wissen darüber, was zu tun ist, sondern oft eine Schwierigkeit, Handlungen ohne ausreichend starke Motivation oder äußere Struktur in Gang zu setzen, ein typisches Merkmal der exekutiven Dysfunktion bei ADHS.

Das gilt natürlich nicht für alle und ich finde: eine gute Freundschaft hält auch Unordnung aus :)
Aber für manche macht man es vielleicht einfach gern.

Kennt ihr das auch? Dass Dinge plötzlich viel leichter werden, sobald jemand anderes beteiligt ist?

03/08/2026

Manchmal zeigt sich Vorfreude nicht besonders liebevoll: Eine spontane Planänderung kann Menschen mit ADHS stark aus dem Konzept bringen.

Nicht, weil „Ausrasten“ oder gereizt reagieren automatisch ein Liebesbeweis wäre, sondern weil ein Treffen vorher oft viel mentale Vorbereitung kostet: Kalender, Erinnerungen, andere Aufgaben verschieben, den Tag darum herum strukturieren und genug Energie übriglassen, um pünktlich und präsent zu sein. Fällt der Plan kurzfristig weg, fällt manchmal das ganze innere Gerüst mit. Oder die Angst davor kickt.

Eine heftige Reaktion ist im Allgemeinen nicht spezifisch für ADHS noch automatisch ein Zeichen von Zuneigung.

Dahinter können auch situativer Stress, Schlafmangel, Schwierigkeiten mit Veränderungen, andere Diagnosen, wiederholte Unzuverlässigkeit, konkrete Nachteile oder ungleich verteilte Care- und Organisationsarbeit stecken.

Aber gerade bei ADHS beobachte ich häufig, dass sich hinter der gereizten Reaktion eigentlich die Überforderung einer Person zeigt, die gerne Zeit mit der anderen Person verbracht hätte aber einen hohen Preis für das funktionieren im Alltag zahlt.

Das kann starke Gefühle erklären, entschuldigt aber kein verletzendes Verhalten. Manchmal ist es ein guter Anknüpfungspunkt in Therapie und Beratung oder auch für ein Gespräch als Paar.

29/07/2026

Motorische Unruhe gehört zu ADHS aber sie muss im Erwachsenenalter nicht mehr so aussehen wie bei Kindern.

Viele Erwachsene erleben stattdessen vor allem innere Unruhe, ein ständiges Getrieben-Sein oder eine gedankliche Unruhe.

Das kann leicht mit Angst oder Grübeln verwechselt werden. Könnte auch Risikofaktor für eine zusätzliche Angststörung sein.

Aber: Gleichzeitig ist keines dieser Symptome allein beweisend für ADHS entscheidend sind das Gesamtbild, die Entwicklung seit der Kindheit und die Differentialdiagnostik.

Gerade bei Menschen, die ihre Hyperaktivität über Jahre unterdrückt oder stark maskiert haben, kann sich die Überaktivität eher nach innen verlagern. Deshalb gilt: “Nicht zappelig” schließt ADHS nicht aus.

22/07/2026

Aber ich komme doch irgendwie klar …“

Diesen Satz höre ich in ADHS-Diagnostiken sehr häufig. Und genau deshalb zweifeln viele Menschen an sich selbst.

Denn von außen sieht oft alles „funktionierend“ aus:

✓ Der Job läuft.
✓ Das Studium wurde geschafft.
✓ Termine werden irgendwie eingehalten.

Aber zu welchem Preis?

Manche arbeiten abends oder am Wochenende nach, weil sie unter der Woche nicht alles geschafft haben. Andere investieren enorm viel Energie, um organisiert, pünktlich oder ruhig zu wirken. Wieder andere reißen sich in Gesprächen zusammen, unterdrücken Impulse oder beobachten ständig ihr eigenes Verhalten, um bloß nicht negativ aufzufallen. Zuhause fehlen dann oft Kraft und Kapazität für Haushalt, Hobbys oder soziale Kontakte. Erschöpfung wird zum Dauerzustand.

In der Psychologie sprechen wir von Kompensationsstrategien oder – je nach Kontext – Masking. Gemeint ist, dass Schwierigkeiten durch bewusste oder unbewusste Strategien ausgeglichen werden. Das kann dazu führen, dass Außenstehende wenig Auffälligkeiten bemerken, obwohl der innere Aufwand enorm ist.

Deshalb ist ein Satz wie „Ich komme doch klar“ für sich genommen weder ein Beleg für noch gegen ADHS. Entscheidend ist die diagnostische Frage: Wie viel Aufwand kostet das scheinbare Funktionieren – und welche Folgen hat dieser Aufwand langfristig?

Gleichzeitig gilt aber auch: Ein hoher Kompensationsaufwand ist nicht spezifisch für ADHS. Auch Angststörungen, Traumafolgestörungen, Autismus, Depressionen, hohe Leistungsansprüche oder belastende Lebensumstände können zu ähnlichen Mustern führen.

Genau deshalb reicht ein einzelnes Merkmal nie für eine Diagnose aus. Entscheidend ist immer das Gesamtbild, die Entwicklung seit der Kindheit und eine sorgfältige Differenzialdiagnostik. ❤️

20/07/2026

.maddiesin und ich haben uns zum Thema "Neurodivergenz und Pick Me" ausgetauscht. Dabei bringen wir eine neuroaffirmativ-therapeutische sowie eine sexologisch-medizinische Perspektive zusammen.

Sagt uns doch gerne, was ihr dazu denkt!

18/07/2026

Woran erkennt ihr, ob eure ADHS-Süßmaus an euch interessiert ist? 💘

Okay, ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber Unterbrechen kann tatsächlich mit der hyperaktiv-impulsiven Symptomatik bei ADHS zusammenhängen. Gerade beim sogenannten Turn-Taking, also dem Abwechseln im Gespräch, berichten Erwachsene mit ADHS häufiger Schwierigkeiten: Ein Gedanke entsteht und wird ausgesprochen, bevor die andere Person ihren Satz beendet hat. Oder anders: Man ordnet Gedanken beim sprechen. Zurückhaltung und Warten fällt schwer.

Besonders interessant finde ich dabei, wie jemand unterbricht: Wird einfach das Thema gewechselt oder knüpft die Person begeistert an das an, was ihr gerade erzählt habt? Letzteres kann zumindest zeigen, dass sie gedanklich sehr bei euch und dem Gespräch ist. Ein wissenschaftlich validierter Flirttest ist das aber nicht. Also bitte nicht falsch verstehen. 😌

Bei Menschen, die sich im Alltag stark kontrollieren, kompensieren oder ihre ADHS-Symptome verbergen, könnte außerdem in vertrauten und emotional aktivierenden Situationen die bewusste Kontrolle etwas nachlassen. Wichtig: Könnte. Mögliche plausible Erklärung aber keine feste Regel.

Und natürlich ist Unterbrechen nicht automatisch romantisches Interesse: Dahinter können auch Aufregung, Impulsivität, ein individueller Gesprächsstil, Nervosität, der Wunsch nach Verbindung oder schlicht Ungeduld stecken.

Manche ADHS-Paare erleben schnelle Sprecherwechsel, gegenseitiges Ergänzen und das Beenden von Sätzen als lebendig und verbindend. Das erlebe ich in Behandlungen immer wieder. Genauso wahr ist aber: Andere fühlen sich dadurch übergangen oder nicht gehört. Ein sehr häufiger Streitpunkt. Entscheidend ist deshalb nicht, ob der Gesprächsstil objektiv „richtig“ ist, sondern ob er für beide Personen funktioniert.

10/07/2026

Gesundheit ist ein Menschenrecht!

Doch das scheint die Bundesregierung anders zu sehen. Während bereits viel zu viele Menschen monatelang auf einen Therapieplatz warten, plant die Bundesregierung weitere Einschnitte in der psychotherapeutischen Versorgung.

❌ Die geplante Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz würde erstmals auch die ambulante Psychotherapie deckeln. Künftig soll nicht mehr allein der Bedarf entscheiden, sondern ein begrenztes Budget.

❌ Zusätzlich sieht ein aktueller Änderungsantrag vor, den gesetzlichen Schutz der angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen zu streichen. Berufsverbände warnen, dass damit die wirtschaftliche Grundlage vieler Praxen gefährdet wird.

❌ Die bereits beschlossene 4,5-prozentige Honorarabsenkung hat gezeigt, in welche Richtung die Entwicklung geht. Auch wenn darüber aktuell weiter gestritten wird und politische Änderungen möglich sind, bleibt der Druck auf die ambulante Psychotherapie bestehen.

Die Folgen dieser Politik treffen nicht Psychotherapeutinnen zuerst – sondern Patientinnen.

➡️ Weniger Therapieplätze.
➡️ Längere Wartezeiten.
➡️ Überlastete Praxen.
➡️ Schlechtere Versorgung für Millionen gesetzlich Versicherter.

Sogar der Bundesrat warnt, dass die geplante Budgetierung die ohnehin dramatischen Wartezeiten weiter verschärfen könnte.

Psychische Gesundheit darf kein Sparposten sein. Wer Versorgung deckelt, spart nicht – er nimmt in Kauf, dass Menschen später Hilfe bekommen, schwerer erkranken und das gesamte Gesundheitssystem langfristig noch stärker belastet wird.

Wer von Entlastung spricht und gleichzeitig die psychotherapeutische Versorgung beschneidet, verschärft die Krise statt sie zu lösen.

09/07/2026

Ich wurde nach meiner fachlichen Einordnung gefragt

Keine Psychotherapie oder im besten Fall doppelt so lange Wartezeiten? Wer erkrankt ist, hat diese Zeit oft nicht.

Was bisher geschah:

2026 wurde die Vergütung für ambulante Psychotherapie bereits um 4,5 % gekürzt. Klingt wenig bringt aber schon viele Praxen in finanzielle Schwierigkeiten, weil das Honorar sowieso schon am unteren Ende der Facharztgruppen ist.

Damit noch nicht genug, soll nun mit der „Gesundheitsreform“ aka dem Anschlag auf deine Gesundheit, die Psychotherapie noch weiter verdrängt werden.

Mit dem geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (das klingt so hohl wie es ist) sollen weitere Einschnitte folgen.

Nach den aktuell bekannten Plänen drohen Budgetierungen und der Wegfall des gesetzlichen Schutzes einer angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen.

Das klingt bürokratisch bedeutet aber zwei Dinge, die du dir merken kannst: Die meisten können dadurch nur noch halb so viel Plätze anbieten, weil sie sonst for free arbeiten und neue Praxen wird es nicht mehr geben, weil unser Honorar nun gekürt werden kann wie es den Privatversicherten Millionären da oben in den Kram passt.

Wenn die ambulante Versorgung geschwächt wird, entstehen automatisch längere Wartelisten. Und härtere Krankheitsfälle aber wer nicht mehr lebt, braucht ja auch kein Krankengeld.

Psychotherapie verursacht nur einen sehr kleinen Anteil der GKV-Ausgaben die gesellschaftlichen Kosten unbehandelter psychischer Erkrankungen sind dagegen um ein Vielfaches höher. Fakten interessieren nicht, nur dass alle Eier da oben sauber sind.

02/07/2026

Woran erkennst du, dass deine Partnerin mit ADHS dich liebt?

Kleiner Disclaimer vorab: ist ein bisschen mit Augenzwinkern zu verstehen aber dahinter steckt ein Phänomen, das mir in der Praxis ständig begegnet: Masking.

Im Alltag ständig gegensteuern. Nicht dazwischenreden. Ruhig wirken. Die eigene Unruhe wegdrücken, bevor sie jemand sieht. Das kostet Energie. Und zwar so richtig.

In einer Beziehung, in der man sich sicher fühlt, kann dieses Masking nachlassen. Plötzlich wird mehr geredet, öfter dazwischengeplappert, mehr Quatsch gemacht. Seiten, die vorher kaum wer zu Gesicht bekam. Vielleicht lässt auch die innere Anspannung nach und man kann sich endlich entspannen, wirkt weniger gehetzt und auf Habacht.

Das kann für die Partnerperson erstmal irritierend sein.

Heißt aber eigentlich: Hier muss ich mich nicht mehr zusammenreißen.

Es gibt nicht DAS eine ADHS-Beziehungsverhalten und natürlich spielen Biographie und Beziehungsmuster noch eine große Rolle. Aber Masking kann eben einer dieser Faktoren sein.

Und wie immer gilt: ADHS erklärt Verhalten. Es entschuldigt nicht alles. Wenn Symptome die Beziehung belasten, redet drüber.

📚 Masking wird va bei Frauen mit ADHS als möglicher Grund diskutiert, warum Symptome lange übersehen werden und warum es so viel Kraft kostet.

Quellen: Attoe & Climie (2023); Young et al. (2020)

30/06/2026

Viele Mädchen mit ADHS fallen nicht trotz ihrer Symptome durchs Raster sondern wegen der Art, wie ihre Symptome interpretiert werden.

Studien zeigen, dass Mädchen im Durchschnitt deutlich stärkere ADHS-Symptome aufweisen müssen, bevor sie überhaupt als behandlungsbedürftig wahrgenommen werden.

Gleichzeitig werden dieselben Verhaltensweisen häufig anders erklärt als bei Jungen:

Sie gilt als verträumt, emotional, sensibel, perfektionistisch oder eben als jemand, der “einfach viel redet”. Was bei Jungen eher als Hinweis auf ADHS gesehen wird, wird bei Mädchen oft dem Charakter oder Geschlechterrollen zugeschrieben.

Das bedeutet nicht, dass jedes verträumte oder gesprächige Mädchen ADHS hat.

Aber es bedeutet, dass viele Mädchen mit ADHS nie die Frage gestellt bekommen, ob hinter ihren Schwierigkeiten eine neuroentwicklungsbedingte Ursache steckt.

Die Folge: Viele erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter oft erst dann, wenn Depressionen, Angststörungen, Erschöpfung oder chronischer Selbstzweifel Anlass für Psychotherapie sind.

Eine frühe Diagnose löst nicht alle Probleme. Sie kann aber helfen, das eigene Erleben besser zu verstehen, passende Unterstützung zu bekommen und jahrelange Selbstvorwürfe zu reduzieren.

📚 Quelle:

Attoe, D. E., & Climie, E. A. (2023). Miss. Diagnosis: A Systematic Review of ADHD in Adult Women. Journal of Attention Disorders, 27(7), 645–657. https://doi.org/10.1177/10870547231161533

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