10/08/2026
Wir sprechen in diesem Falle von Ernährungstherapeutischer Langzeitbegleitung…
Diäten
Warum Abnehmen oft nicht glücklich macht
Mithilfe von Spritzen und Tabletten verlieren Menschen im Durchschnitt zehn bis 15 Prozent ihres Gewichts. Aber zufriedener sind sie trotzdem nicht. Weshalb das so ist.
Von Christina Berndt in sz von morgen
Abnehmen ist der Weg zum Glück? So einfach ist es nicht.
Hurra! Es war wirklich ein beachtlicher Erfolg: Durchschnittlich zehn bis 15 Prozent ihres Körpergewichts verloren die Menschen binnen eines Jahres, die sich auf die neuen Abnehmspritzen und andere Schlankheitsmittel einließen, um morgens endlich gnädigere Zahlen von ihren Waagen abzulesen. Zwar nahm nicht jeder Einzelne von den fast 100 000 Personen aus 262 Studien, deren Daten nun neu ausgewertet wurden, derart viel ab; manche wogen nach einem Jahr genauso viel wie vorher. Aber im Durchschnitt erwiesen sich die Abnehmmedikamente, die es mittlerweile sogar als Tabletten gibt, als hochpotent. Bei den meisten Menschen, selbst solchen, die seit Jahren vergeblich gegen ihr Übergewicht kämpften, purzelten damit die Pfunde.
Nur: Das Hurra fiel gar nicht so überschwänglich aus. Trotz ihres verlorenen Körperfetts berichteten die 45 000 der 100 000 Teilnehmenden, die explizit nach ihrem Wohlbefinden gefragt wurden, kaum davon, dass sie ein Jahr nach Beginn der Behandlung merklich zufriedener wären. „Positive Auswirkungen auf die Lebensqualität waren sehr klein oder nicht existent“, stellen die Autoren um Sheyu Li von der Sichuan-Universität im chinesischen Chengdu fest, die ihre Übersichtsarbeit kürzlich im British Medical Journal publizierten.
Ganz offenkundig macht das Schlankerwerden also nicht so glücklich, wie viele Menschen annehmen, die gerne Pfunde loswürden. „Dies stellt das vor allem in sozialen Medien dominante Narrativ infrage, wonach Abnehmen der Weg zum Glück ist“, sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner vom Else-Kröner-Fresenius-Zentrum an der TU München. „Gewichtsabnahme, mit welcher Methode auch immer, hat nur einen sehr moderaten Einfluss auf die Lebensqualität.“
Das belegen nicht nur zahlreiche internationale Studien, sondern auch Erfahrungen von Menschen, die sich mit Übergewicht und Abnehmen bestens auskennen. So sagte die als „Fat Mom“ bekannte Influencerin Alina Friederichs, die von ihren 145 Kilogramm 30 Kilogramm verlor, jüngst dem Spiegel: „Ich bin kein unglücklicher Mensch, aber ich bin nicht glücklicher durch das Abnehmen.“ Warum ist das so?
Das liege zuallererst daran, dass übergewichtige Menschen gar nicht so unglücklich sind, wie dies oft angenommen werde, sagt Felix Bittmann vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg. Der Soziologe hat bereits vor Jahren in einer Studie im International Journal of Applied Positive Psychology festgestellt: Übergewicht führt nicht zwangsläufig zum Unglücklichsein. Insofern überrascht es nicht, dass das Abnehmen kein Schlüssel zum Glück ist.
„Dickwerden ist ja in der Regel ein schleichender Prozess“, erläutert Bittmann. Es ist nicht so, dass Menschen von einem auf den anderen Monat plötzlich mit vielen Extrapfunden herumlaufen müssen. „Das Problem ist in den meisten Fällen vielmehr, dass die Leute über einen langen Zeitraum ein bisschen zu viel zu sich nehmen.“ Wer zum Beispiel jeden Tag nur einen halben Schokoriegel zu viel isst, kann in einem Jahr etwa drei Kilogramm Gewicht zulegen. Über die Jahre bedeutet das eine stattliche Gewichtszunahme, an die man sich aber auch jahrelang gewöhnen kann. Deshalb stört sie oft nicht so.
Noch dazu projizieren viele Menschen ihr Elend viel zu stark auf ihr Gewicht. Keine Frage: Dicksein geht mit vielen Problemen einher. Übergewichtigen Menschen fällt vieles schwerer als dünnen, hinzu kommen Diskriminierung, Abwertung und Schmerzen. „Und trotzdem sind, auch wenn die Pfunde schmelzen, oft immer noch jede Menge Probleme da“, sagt Bittmann. „Ich spritze, und dann sind alle meine Sorgen verschwunden – das ist ein Versprechen, das so nicht zu halten ist.“ Denn wenn man schlank geworden ist, muss man sich Gründen für sein Unglück stellen, die man bisher auf sein Gewicht schieben konnte. So sagte auch Alina Friedrichs zur Stagnation ihres Glücks: „Probleme sind nicht plötzlich weg, nur weil ich 30 Kilo weniger wiege.“
Hinzu kommt, gerade beim Abnehmen mit den Abnehmspritzen: Das ist nicht so einfach, wie es die Hersteller gerne versprechen. Auch wenn die meisten Menschen mit Mitteln wie Semaglutid und Tirzepatid deutlich an Gewicht verlieren, fühlen sie sich dabei nicht unbedingt gut: „Die Nebenwirkungen werden immer heruntergespielt“, sagt Hans Hauner, „aber sie sind nicht zu unterschätzen.“ Häufig leiden die Patienten unter Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall, auch schmeckt ihnen das Essen nicht mehr. Das alles hat natürlich einen negativen Einfluss auf die Lebensqualität. Nicht ohne Grund bricht fast die Hälfte der Menschen, die Abnehmmedikamente nutzen, binnen eines Jahres die Behandlung ab. Das liege keineswegs nur am hohen Preis, betont Hauner.
Und auch wenn die Menschen mithilfe von Abnehmmedikamenten ihr Gewicht um zehn oder 15 Prozent reduzieren – oftmals mehr als je zuvor in ihrem Leben: „Viele finden, dass das nicht genug ist“, so Hauner. Denn sie träumen von viel größeren Reduktionen – vor allem, wenn sie sehr starkes Übergewicht haben. „Die meisten haben unrealistisch hohe Erwartungen, sie werden nahezu zwangsläufig unzufrieden sein.“
Nicht zu unterschätzen ist aber auch noch ein weiterer Effekt: Essen ist eine ziemlich erfolgreiche Strategie, um sich kleine Glücksmomente im Alltag zu verschaffen. Das Gehirn schüttet gerade bei fett- und zuckerreicher Nahrung stattliche Mengen von dem Glückshormon Dopamin aus. „Das ist ein extrem starkes biologisches Signal“, sagt Felix Bittmann.
Zwar haben Menschen, die Abnehmmedikamente nutzen oder eine bariatrische Operation hinter sich haben, bei der der Magen verkleinert und der Dünndarm umgeleitet wird, nicht mehr ständig Lust auf Essen; bei ihnen stellt sich nicht so leicht wieder Hunger ein, dem man bei einer einfachen Diät ständig widerstehen muss. Aber egal, welche Methode man nutzt, immer fallen Glück und Belohnung durch Essen weg. Und gerade jene Menschen, die zu viele Pfunde auf die Waage bringen, nutzen Essen besonders häufig, um sich etwas Gutes zu tun. „Viele sagen: Ich bin ein Genussmensch, ich möchte emotionale Befriedigung beim Essen haben, das fehlt mir jetzt“, berichtet Hans Hauner.
Auch bei der Stressbewältigung nimmt Essen einen großen Stellenwert für viele Menschen. In einer Umfrage von Christina Holzapfel aus Hauners Arbeitsgruppe mit mehr als 1200 Teilnehmenden gab fast jeder Zweite an, Stress-Esser zu sein. „Die meisten aßen unter Stress mehr“, sagt Hauner. Vor allem aßen sie mehr von den ungesunden und kalorienreichen Dingen, die gerne als „Comfort Food“ euphemisiert werden. Unangefochten auf Platz 1: Schokolade. Fast jeder zweite Stress-Esser nutzte sie zur Stressbewältigung.
„Comfort Food gibt einen Moment Zufriedenheit“, sagt Felix Bittmann. Dabei sei vor allem industriell hoch verarbeitetes Essen, wie Fertigprodukte oder manche Backwaren, „dermaßen overengineered, dass es wie eine Droge ist“. Und die Lust darauf wie eine Sucht. Mithilfe der Abnehmspritzen schaffen es zwar viele Menschen, dem Verlangen nach Comfort Food zu widerstehen. Nur bleibt der Stress und man muss sich dann andere Möglichkeiten suchen, mit ihm umzugehen. Auch das steht dem Glück der Schlankgewordenen im Weg.
Was Hans Hauner deshalb empfiehlt, bevor man über Abnehmspritzen nachdenkt: eine Ernährungsberatung, bei der auch Tipps und Tricks vermittelt werden, mit denen man dem Verlangen mit kognitiven Strategien widerstehen kann. Denn dabei lernt man auch, sich zur Stressverarbeitung andere Wege als Essen zu suchen. Und der Stolz, dass man das schafft, löst so manchen Glücksschub aus, den man bisher vornehmlich durch Essen bekommen hat.