20/08/2026
Wann hast du dich das letzte Mal gefragt:
Was löst dieses Kind gerade wirklich in mir aus?
Es gibt Kinder, die berühren in uns immer wieder dieselben Punkte.
Wir fühlen uns provoziert, nicht ernst genommen oder denken irgendwann: Das macht es doch mit Absicht. Und ehe wir uns versehen, richtet sich unser Blick vor allem darauf, was beim Kind verändert werden muss.
Es soll besser hören, sich regulieren lernen, kooperativer werden. Manchmal werden Kinder sogar in Therapien geschickt, weil sie nicht so „funktionieren“, wie wir Erwachsenen es uns wünschen.
Natürlich gibt es Kinder, die therapeutische Unterstützung brauchen.
Aber nicht jedes schwierige Gefühl, das ein Kind in uns auslöst, ist ein Problem des Kindes.
Wenn ein vierjähriges Kind es schafft, dass wir uns persönlich angegriffen fühlen oder innerlich so hochfahren, dass wir kaum noch gut in Beziehung bleiben können, lohnt sich der Blick auf uns selbst.
Denn wir reagieren nicht nur auf das, was gerade vor uns passiert.
Da reagiert immer auch unsere eigene Geschichte mit.
Vielleicht war Widerspruch in unserer Kindheit nicht erlaubt. Vielleicht haben wir früh gelernt, dass wir funktionieren müssen, um dazuzugehören. Oder Kontrollverlust fühlt sich für unser Nervensystem bis heute bedrohlicher an, als uns bewusst ist.
All das verschwindet nicht, nur weil wir heute erwachsen sind oder pädagogisch wissen, wie man es „eigentlich“ machen sollte.
Unser Nervensystem greift im Stress auf sein altes Betriebssystem zurück.
Und plötzlich schaffen wir genau das nicht mehr, was dieses Kind gerade bräuchte: ein Gegenüber, das reguliert genug ist, um Sicherheit zu geben.
Dann schicken wir das Kind vielleicht weg, weil wir selbst die Situation kaum noch aushalten. Wir werden härter, obwohl wir eigentlich Verbindung wollen. Und manchmal erwarten wir vom Kind Regulation, während unser eigenes Nervensystem längst im Alarmzustand ist.
Das ist kein Vorwurf.
Aber es ist unsere Verantwortung.
Traumawissen bedeutet für mich deshalb nicht nur, das Verhalten eines Kindes besser erklären zu können.
Es bedeutet auch, den Mut zu haben, den Blick umzudrehen:
Was hat das gerade eigentlich mit mir gemacht?
Denn Kinder brauchen nicht nur Erwachsene, die ihr Verhalten verstehen.
Sie brauchen Erwachsene, die bereit sind, ihre eigenen Spuren zu kennen.
Vielleicht ist genau jetzt die richtige Zeit, auf Spurensuche zu gehen.