14/08/2026
"Das Metamizol im Rettungswagen läuft im August ab und wird aussortiert, während ich noch einige Runden in ihm drehen muss. Hier sitze ich also und kontrolliere die Ampullen – unfreiwilliger Seitenblick auf die eigene Halbwertszeit inklusive.
Am letzten Donnerstag des Monats prüfe ich das Ampullarium unseres Rettungswagens. Das ist eine Dienstanweisung. Der Rettungswagen steht direkt vor der Wache, wo er immer steht. Ich sitze hinten auf dem Begleitersitz, dort, wo sonst Angehörige sitzen. Das Ampullarium liegt neben mir auf der Trage, die Bestandsliste auf meinen Knien. Ich drehe Ampullen ins Neonlicht der Innenraumbeleuchtung: Amiodaron, Urapidil, Glucose, Midazolam. Ich lese Chargennummern, die niemand hören will, und Daten, die aussehen wie Geburtstage. Eine Ampulle Metamizol, ein Schmerzmittel, läuft im August ab. Im August werde ich zweiundfünfzig.
Ich lege sie beiseite, für die Kiste mit der Aufschrift „Verfall“. Die Kiste, die an der Seite schon eingerissen ist, besteht aus dünnem, grauem Kunststoff und steht drinnen im Lager unter dem PC. Wer auch immer sie beschriftet hat, hat sich nichts dabei gedacht: Auf der Packung steht „verwendbar bis“, im Arzneimittelgesetz heißt es Verfallsdatum, auf unserer Kiste steht nur noch Verfall. Je näher man der Praxis kommt, desto kürzer werden die Wörter.
Altersentsprechend funktional
Mein Körper ist Arbeitsmittel. So steht es sinngemäß in der Gefährdungsbeurteilung meines Arbeitgebers, und Arbeitsmittel werden geprüft. Alle drei Jahre gehe ich deshalb zum Betriebsarzt, und alle drei Jahre frage ich mich hinterher, was genau jetzt geprüft worden ist. Bei der letzten Sichtfeldprüfung fiel ich durch, weil das Gerät falsch angelegt war. Die MFA prüfte einfach weiter, Durchgang um Durchgang, bis das Ergebnis passte. Technik mit Zukunft: Man kann so lange messen, bis es wieder stimmt. Die Blutentnahme durfte ich beim Hausarzt nachreichen, meine Arbeitskraft wurde als Loseblattsammlung begutachtet. Der Rettungswagen kommt aus der Werkstatt besser zurück, als er hineingefahren ist. Ich komme mit einem Stempel zurück. Am Ende stand trotzdem ein Befund: alles in Ordnung, alles altersentsprechend. Ich kenne das Wort. Ich schreibe es selbst in Einsatzprotokolle, wenn ich sagen will: kaputt, aber erwartbar kaputt.
Es gab Jahrzehnte, in denen mein Körper unsichtbar war. Mit zwanzig war er eine Selbstverständlichkeit, ich habe ihn behandelt wie einen Mietwagen mit Vollkasko. Mit dreißig war er ein Werkzeug, das funktionierte, wenn man es benutzte, und auch, wenn nicht. Mit vierzig wurde er ein Kollege, mit dem man sich abspricht. Jetzt, kurz vor zweiundfünfzig, ist er ein Patient, den ich gewissenhaft mitversorge, auf eigene Rechnung: Ich erhebe Befunde, ich dokumentiere Verläufe, ich trainiere ihn, ich halte ihn muskulös wie ein Gerät, dessen Wartungsvertrag ich ernst nehme. .."
Das Metamizol im Rettungswagen läuft im August ab und wird aussortiert, während ich noch einige Runden in ihm drehen muss. Hier sitze ich also und kontrolliere die Ampullen – unfreiwilliger Seitenblick auf die eigene Halbwertszeit inklusive.