21/08/2026
"Anna lächelt an der richtigen Stelle und hält Blickkontakt genau so lange wie nötig. Masking hält viele Autisten über Wasser. Aber auf Dauer ertrinken sie darin.
Für viele Menschen mit einer Autismusspektrumstörung ist das Unterdrücken der natürlichen Reaktionen nicht nur eine Ausnahme, sondern eine tägliche Überlebensstrategie. Dabei maskieren sich die Patienten dauerhaft, um möglichst „neurotypisch“ zu wirken und bloß nicht negativ aufzufallen. Das ist nicht nur extrem anstrengend, sondern kann auf Dauer auch die psychische Gesundheit kosten.
Bis zur Perfektion angepasst
In der Schule hieß es immer: „Ach, die Anna, ja, sie war ja schon immer unauffällig und so schön pflegeleicht.“ Anna ist mittlerweile 34 Jahre alt und weiß jetzt, dass sie Autistin ist. Sie verzieht ihr Gesicht, wenn sie sich an die Schulzeit zurückerinnert. „Ich habe es nie verstanden, warum alle nach 8 Stunden Schule immer so müde waren. Für mich fing der anstrengende Teil des Tages dann erst an: durchatmen, die perfekt aufgebaute Fassade wieder runterfahren und für einen kurzen Augenblick ich selbst sein dürfen.“
Anna beschreibt, was viele Erwachsene mit einer Autismusspektrumstörung erst spät in Worte fassen können: einen inneren Schaltraum, der jede Geste, jeden Blick und jede Pause im Satz permanent überwacht und alles bis ins kleinste Detail steuert. Das Lachen an der richtigen Stelle, der sorgfältig dosierte Blickkontakt und punktgenau abgespulte Smalltalk-Skripte. Während im Hintergrund ununterbrochen ein Daueralarm warnt: „Bloß nicht auffallen, das ist gefährlich!“ In der Sprechstunde erzählt Anna: „Ich wusste immer ganz genau, was in welcher Umgebung funktioniert – wie ich sein muss, damit niemand merkt, wie viel mich das alles kostet. Irgendwann wusste ich dann nur nicht mehr, wer ich eigentlich bin, wenn ich alleine in meinem Zimmer saß und niemand mehr zusah.“
[ Was ist Masking?
Das Masking oder auch Camouflaging ist ein Begriff, der die Unterdrückung von Anteilen des eigenen Ichs und der eigenen Identität beschreibt, um in einer neurotypischen Umwelt nicht aufzufallen, dazuzugehören und dadurch Zugang zu sozialen Lebensbereichen zu bekommen. ]
Einige typische Masking-Strategien sind:
- Einstudierte Gestik und Mimik (Lächeln, Nicken, übliche Reaktionen)
- Nachahmen sozialer Verhaltensweisen von anderen
- Verbales Überkompensieren: vorbereitete Monologe anstatt spontaner Dialoge
- Striktes Monitoring des eigenen Verhaltens („Wie wirke ich gerade?")
Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt, dass die genannten Strategien weit verbreitet sind – und keineswegs nur im „high functioning“-Spektrum vorkommen. Dabei ist das Masking aber kein Randphänomen, sondern oft ein Kernbestandteil des Alltags, der ständig kontrolliert wird, um bloß nicht aufzufallen. Studien deuten darauf hin, dass sich das Masking negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt, etwa durch erhöhte Burnout-Raten. Außerdem ist es oft mit dem Gefühl verbunden, nicht wirklich akzeptiert zu sein. Das kann wiederum das Risiko für Depressionen sowie für suizidale Gedanken erhöhen. .."
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