01/09/2026
Wie unvoreingenommen kann ich noch sein, wenn ich längst viel zu viel weiß?
Wenn ich eines selbstbewusst über mich sagen kann, dann ist es, dass ich in Allparteilichkeit wirklich sehr gut bin.
Das hätte ich über mich selbst schon früher so gesagt. Neu ist, dass ich es auch öffentlich und ohne falsche Bescheidenheit ausspreche.
Menschen nehmen unterschiedlich wahr, erinnern unterschiedlich, gewichten unterschiedlich und interpretieren unterschiedlich. Zwei Menschen können demnach dasselbe erleben und trotzdem mit sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten daraus hervorgehen. Ich brauche an dieser Stelle keinen Sieger.
Ich muss mich nicht für eine dieser Wirklichkeiten entscheiden. Das bedeutet nicht, dass alles gleichermaßen wahr ist. Tatsachen bleiben Tatsachen und Verantwortung verschwindet nicht. Aber Wahrnehmung, Wirkung und Interpretation gehören ebenso dazu. Meine eigene Wahrnehmung übrigens auch.
Ich habe eigene Werte, Erfahrungen, Meinungen und klare Vorstellungen davon, was für mich richtig oder falsch ist. Das alles verschwindet nicht, nur weil ich mich mit der Wirklichkeit eines anderen Menschen beschäftige. Ich muss meine eigene Sicht nicht aufgeben, um eine andere wirklich verstehen zu können.
Und das, was für mich richtig ist, muss nicht für einen anderen Menschen richtig sein. Ich kann etwas anders machen wollen, eine Entscheidung für mich ausschließen oder ein Verhalten falsch finden und trotzdem verstehen, wie ein anderer Mensch dorthin gekommen ist. Und meine Wirklichkeit ist eben meine. Sie gehört zum Bild, aber sie ist auch nur ein Teil davon.
Ich arbeite empathisch und mitfühlend. Das steht für mich nicht im Widerspruch zur Allparteilichkeit. Ich fühle mit jedem mit, ohne mich dabei entscheiden zu müssen, wer es angeblich mehr verdient hätte.
Diese Art, auf Menschen, Situationen und unterschiedliche Wirklichkeiten zu schauen, gehört zu mir. Sie prägt mein Denken, mein Leben und damit natürlich auch meine Arbeit.
Dazu gehört auch, dass in mir in einem Gespräch viele verschiedene Ebenen gleichzeitig laufen. Ich spreche, frage, höre zu und reagiere. Ich beobachte mein Gegenüber und die Dynamik zwischen den Beteiligten. Gleichzeitig erkenne ich Muster und Strukturen, Zusammenhänge und Widersprüche. Ich behalte unterschiedliche Perspektiven im Blick und kann sie nebeneinander bestehen lassen. Und ich überprüfe dabei auch meine eigene Wahrnehmung.
Was weiß ich tatsächlich? Was nehme ich wahr? Wo fängt meine Interpretation an? Was löst was bei mir aus? Hat meine Reaktion mit dem zu tun, was gerade passiert, oder spielt etwas Eigenes hinein? Beeinflusst Vorwissen meinen Blick? Welche Erklärung habe ich vielleicht bereits im Kopf? Was weiß ich nicht? Welche andere Sicht könnte ebenfalls wahr sein?
Das passiert nicht nacheinander und meine Selbstreflexion beginnt auch nicht erst nach einem Gespräch. Diese verschiedenen Ebenen laufen parallel mit.
Ich erkenne Muster und Strukturen überdurchschnittlich gut und habe eine sehr hohe Selbstreflexivität. Beides hilft mir dabei, unterschiedliche Wirklichkeiten zu erfassen und auseinanderzuhalten, ohne meine eigene mit der ganzen Wirklichkeit zu verwechseln.
Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht irren kann. Natürlich kann ich das. Gerade deshalb gehört für mich dazu, auch meine eigene Wahrnehmung immer wieder infrage zu stellen.
In meiner Arbeit kommt noch etwas hinzu: Manchmal weiß ich Dinge, die andere Beteiligte nicht wissen.
Vielleicht kenne ich einen Menschen bereits aus einer Einzelberatung. Vielleicht habe ich im Rahmen einer Paarberatung Einzelgespräche geführt. Vielleicht kenne ich Beteiligte einer späteren Mediation bereits aus einem anderen Zusammenhang. Aber was mir in einem vertraulichen Gespräch erzählt wurde, bleibt dort. Inhalte aus einem Einzelgespräch bringe ich nicht von meiner Seite in eine Paarberatung ein. Wissen aus einer früheren Beratung trage ich nicht in eine spätere Mediation hinein. Mein Wissen muss nicht ausgesprochen werden, nur weil ich es habe.
Und nur weil ich eine Wirklichkeit bereits gut kenne, wird sie für mich nicht zur Referenz für die nächste. Ein anderer Mensch kann mir seine Wirklichkeit erzählen, ohne dass ich sie ständig an dem messe, was ich vorher gehört habe.
Dahinter stehen sehr viel Erfahrung und Eigenerfahrungen, Fachwissen, tiefe Selbstreflexion sowie die Bereitschaft, wirklich hinzusehen und meine eigene Wahrnehmung immer wieder infrage zu stellen.
Für mich wäre es inzwischen sehr merkwürdig, etwas, das ich über sehr viele Jahre reflektiert, überprüft und bestätigt bekommen habe, nur deshalb abzuschwächen, damit es sozial angemessener klingt.
Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann.
Allparteilichkeit? Kann ich!